20.01.2017

Islam-Experte: Salafistische Szene ist hochmobil und wird jünger

Martina Schwager
epd

Osnabrück/Celle (epd). Der Salafismusexperte Michael Kiefer hat anlässlich des bevorstehenden Urteils im Verfahren gegen die mutmaßliche IS-Sympathisantin Safia S. vor dem Oberlandesgericht Celle davor gewarnt, die salafistische Szene auf bestimmte Orte zu reduzieren. Immer wieder würden im Zusammenhang mit Straftaten bestimmte Städte als Hochburgen des Salafismus bezeichnet, sagte Kiefer in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Das ist problematisch, denn die Szene ist hochmobil. Akteure, die heute in Hildesheim sind, können morgen in Duisburg, übermorgen in Hannover und eine Woche später in Berlin sein." Keine Stadt dürfe sich in Sicherheit wiegen. Gleichzeitig forderte er, die Prävention vor allem in den Schulen deutlich zu verstärken. 

Auch der Fall des Berlin-Attentäters Anis Amri habe gezeigt, dass diese Menschen nicht auf bestimmte Sozialräume angewiesen seien. "Sie wechseln den Ort, wenn es ihnen geboten erscheint." Das mache es den Sicherheitsbehörden natürlich schwerer, sie zu verfolgen, erläuterte der Islamwissenschafter der Universität Osnabrück, der auch am Präventionsprogramm "Wegweiser" in Nordrhein-Westfalen mitwirkt.

Gefährliche Akteure seien neben den bekannten Predigern wie Sven Lau oder Abu Walaa vor allem diejenigen Personen, die nicht auffielen, sich aber dennoch in der Szene bewegten und Anschläge planten. Gerade in jüngster Zeit hätten die Experten zudem erste Adhoc-Zusammenschlüsse von jungen radikalisierten Menschen beobachtet, die keine Szene-Kontakte hatten und auf eigene Faust Anschläge verübten. Dazu gehöre etwa die Gruppe von Jugendlichen, die den Anschlag auf den Sikh-Tempel in Essen zu verantworten habe. "Diese Gruppen machen uns und den Sicherheitsbehörden große Sorgen, weil sie schwer ins Visier zu nehmen sind."

Seit etwa einem Jahr werden die salafistischen Attentäter nach den Beobachtungen von Kiefer immer jünger. Die Gymnasiastin Safia S. war 15 Jahre alt, als sie in Hannover einen Polizisten attackierte. In Ludwigshafen soll ein Zwölfjähriger einen Anschlag verübt haben. Die Täter in Essen waren ebenfalls minderjährig. "Das ist neu, das hatten wir in den Vorjahren so nicht." Dahinter stecke durchaus eine Strategie des Islamischen Staates, der offenbar vermehrt immer jüngere Menschen anspreche.

Lehrkräfte in den Schulen müssten für diese Thematik viel besser sensibilisiert werden, betonte Kiefer. Die Schulsozialarbeit müsse ausgebaut und die dort tätigen Fachkräfte geschult werden. "Das geht nicht wie in Niedersachsen allein mit einer Beratungsstelle in Hannover. Fachkundige Menschen müssen jeweils vor Ort sein." Kiefer warnte allerdings auch vor übertriebenem Alarmismus. Schüler sollten nicht gleich beim ersten Verdacht beim Staatsschutz angezeigt und damit kriminalisiert werden.