11.11.2016

"Manche möchten lieber sterben"

Christiane Ried
epd

München/Verdun (epd). Die anfängliche Kriegseuphorie des Münchner Malers Franz Marc war schnell verflogen. Von einem Krieg hatte er sich eigentlich eine heilende Wirkung für ein "krankes Europa" erhofft. Doch im März 1916 schreibt er erschüttert und desillusioniert von der französischen Front bei Verdun an seine Frau: "Seit Tagen sehe ich nichts als das Entsetzlichste, was sich Menschengehirne ausmalen können." Nur zwei Tage später stirbt der Leutnant der Landwehr, nachdem er von einem Granatsplitter getroffen wurde. 

Der französische Unteroffizier Robert Perreau schreibt Ende Oktober 1916 aus der "Hölle von Verdun": "Unaufhörlich fällt der Regen, der unsere Kleider durchnässt. Die Kälte durchdringt uns, die Läuse saugen uns aus; der ganze Körper ist wie zerschlagen. Durch Regen und Schlamm gehen die Leichen in Verwesung über, so dass ihnen übler Geruch entströmt. Wir essen nicht mehr. Ich sehe, wie vierzigjährige Männer wie Kinder weinen. Manche möchten lieber sterben."

Die Schlacht um Verdun, die vor 100 Jahren am 19. Dezember 1916 endete, steht auch heute noch für unvorstellbares Grauen und Sinnlosigkeit. Mehr als 700.000 Deutsche und Franzosen ließen in einer beispiellosen Materialschlacht ab dem 21. Februar 1916 ihr Leben, wurden verwundet oder blieben vermisst - ohne dass sich der Frontverlauf wesentlich veränderte. Die von Bombentreffern vernarbte und deformierte Landschaft lässt auch noch heute das Inferno dieser "Urschlacht des Jahrhunderts" erahnen.

Im Beinhaus von Douaumont am französischen Nationalfriedhof bei Verdun liegen laut Schätzung die Knochen von rund 130.000 Toten, nicht identifizierten Soldaten - unter ihnen auch die von vielen Deutschen. Eine genaue Zahl lässt sich wegen des riesigen Knochenberges heute nicht mehr ermitteln. Wer die Soldaten waren, woher sie stammten, wer zuhause auf sie wartete und um ihr Leben bangte - das wird für immer ihr Geheimnis bleiben. 

In Deutschland wird am Sonntag (13. November), dem Volkstrauertag, der gefallenen Soldaten und Kriegsopfer in aller Welt gedacht. Heuer steht das Gedenken unter dem Eindruck von 100 Jahre Verdun. Auch die beiden Bischöfe Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Marx erinnern in ihrer Grußbotschaft für die Deutsche Kriegsgräberfürsorge an die "Sinnlosigkeit und Brutalität solch kriegerischer Auseinandersetzungen" wie in Verdun. 

"Die Schlacht um Verdun steht heute symbolhaft für die Sinnlosigkeit des Krieges", schreibt der bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm. Mehr als 300.000 Deutsche und Franzosen seien "in diesem Vorboten des modernen Vernichtungskrieges" gestorben - "im Feuer der Artillerie, durch Gasangriffe oder im erbitterten Nahkampf". Der Münchner Kardinal und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, mahnt, den Frieden nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Daran erinnere auch der Volkstrauertag. 

Bis heute ist nicht restlos geklärt, warum der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn sich ausgerechnet Verdun, eine durch Festungen gut geschützte Stadt, für seine Großoffensive nach dem gescheiterten Schlieffen-Plan aussuchte. Er selbst sprach davon, den Gegner "aus- oder weißbluten" lassen zu wollen - mit dem Ergebnis, dass er eine gewaltige Tötungsmaschinerie in Gang setzte.