11.12.2016

Kritische Bestandsaufnahme zum Leitbild des gerechten Friedens

Ulrich Frey und Klaus-Dieter Kaiser
Evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland
11.12.2016
Evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland

Was bewegen die christlichen Kirchen unter dem Leitbild des gerechten Friedens? Verantwortliche in Kirchen und Initiativen und Gruppen aus evangelischen Kirchen, der römisch-katholischen Kirche, den Freikirchen und den orthodoxen Kirchen, die in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen kooperieren, stellten auf einer Tagung in Hamburg diese selbstkritische Frage. Das gemeinsame Anliegen war, Kirchen sollten sich auf den Weg des „gerechten Friedens“ machen, wie er in der ökumenischen Diskussion als Perspektive erkannt wird. Die gegenwärtigen politischen Herausforderungen und die vorhandenen historischen Narrative, auf die Kirchen sich dabei einzustellen haben, waren Ausgangspunkt der Diskussion in Vorträgen, Plenen und Gruppenarbeit. In der Gegenüberstellung der theologischen Impulse zum gerechten Frieden aus den vier Konfessionsfamilien mit den Ergebnissen der Arbeit zum Frieden in den Friedens-Dimensionen in der Gemeinschaft, mit der Erde, in der Wirtschaft und zwischen den Völkern wurde es konkret und spannend.

Gemeinsames Anliegen war es, der Gewalt in ihren zahlreichen Formen entgegen zu treten. Aber wie kann der Perspektivenwechsel zum Leitbild des gerechten Friedens angesichts der Erfahrungen der Menschen weltweit mit alltäglichen gewaltförmigen Konflikten tatsächlich gelingen, wenn die gültigen Institutionen des Rechts und die Menschenrechte missachtet werden? Friedensethisch wurde diskutiert, wie es im Einzelnen möglich sei, den „Vorrang von Gewaltfreiheit“ angesichts der aktuellen, ungebändigten, sehr unterschiedlichen Formen von militärischer Gewalt anzustreben und durchzusetzen – gegen das Konzept von „Sicherheit“, für das Konzept des Friedens. Als schwierig erscheint es, den Bewusstseinswandel und Veränderungen zum nachhaltigen Wirtschaften umzusetzen. Mit Muslimen über Religion, nicht über politische Ideologien zu sprechen, ist nötig. Spirituelle Stärkung und Gebet sowie politisch aktiv zu bleiben, sahen die Teilnehmenden als sinnvoll auf dem Weg zum gerechten Frieden an. Das Leid der Opfer sollte wahrgenommen und ihnen mit ihren Erfahrungen Raum gegeben werden. Besser, als sich auf Positionen zu versteifen, sei es, mit Geduld unterschiedliche Wege zu hinterfragen und darüber theologisch und ethisch im Gespräch zu bleiben: Der gerechte Frieden erfordere auch, praktisch die Fähigkeiten zur Transformation von Gewalt in verhandelbare Konflikte zu lernen.

Die Tagung bot ausgiebig Gelegenheit, Friedensarbeit in der Nordkirche und außerhalb kennenzulernen. Eingeladen zu der Tagung hatten seitens der Nordkirche das Referat Theologie und Nachhaltigkeit des Zentrums für Mission und Ökumene, das Referat Friedensbildung und die Evangelische Akademie. Partner von außerhalb der Nordkirche war die bundesweit tätige Ökumenische Konsultation Gerechtigkeit und Frieden (ÖKGF), ein Zusammenschluss von ökumenisch Aktiven in Kirchen, Initiativen und Gruppen.