15.01.2016

Kriminalpsychologin warnt vor Selbstbewaffnung

Matthias Klein
epd

Darmstadt (epd). Die Kriminalpsychologin Katrin Streich sieht Selbstbewaffnung mit Schreckschusspistolen oder Pfefferspray nach den Übergriffen in der Silvesternacht als bedenklich an. "Eine persönliche Aufrüstung birgt hohes Eskalationspotenzial", warnte Streich am Freitag im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Eine Waffe kann eine kritische Situation verschärfen, weil sie den Angreifer möglicherweise provoziert." Außerdem seien Bürger nicht geübt, die Waffen richtig einzusetzen. "Wenn der Angreifer die Waffe entwindet, kann er sie zusätzlich einsetzen."

Nach den Attacken in Köln registrieren mehrere deutsche Städte ein erhöhtes Interesse an kleinen Waffenscheinen. In Düsseldorf, Frankfurt am Main, Karlsruhe, Köln und Stuttgart stieg die Zahl der Anträge seit dem Jahreswechsel teils deutlich. Der kleine Waffenschein wird für das Führen von Schreckschuss-, Reiz- und Signalwaffen benötigt.

Der Waffenkauf könne zwar das subjektive Sicherheitsgefühl kurzfristig stärken, erläuterte Streich. "Menschen versuchen dadurch, das Gefühl zurückzuerlangen, dass sie die Kontrolle haben. Aber das ist trügerisch. Es stimmt ja nicht, dass einem nichts passieren kann, nur weil man ein Pfefferspray dabei hat", sagte die stellvertretenden Leiterin des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, das Behörden und Unternehmen im Umgang mit Bedrohungen berät.

Noch gefährlicher seien private Bürgerwehren. Patrouillen könnten Gefühle von Unsicherheit und Angst bei den Bürgern weiter verstärken, sagte Streich. "Es ist zudem zu befürchten, dass solche Gruppen zu unkontrollierbaren Instanzen werden. Die Menschen sind nicht ausgebildet. Gerade in der Gruppe besteht die Gefahr, dass sie Kurzschlusshandlungen begehen."

Vor dem Kölner Hauptbahnhof hatten nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen in der Silvesternacht mehrere hundert, meist alkoholisierte Männer Frauen drangsaliert, sexuell bedrängt und bestohlen. Unter den Verdächtigen sind zahlreiche Ausländer. Auch in anderen deutschen Städten gab es Strafanzeigen mit ähnlichem Hintergrund.

Sie beobachte, dass das Vertrauen in die Polizei und den Rechtsstaat nach den Attacken teilweise erschüttert sei, sagte Streich. Dagegen könne mehr Polizeipräsenz helfen: "Wenn Polizisten nun sichtbarer an Bahnhöfen oder bei Großveranstaltungen stehen, dann können sich die Menschen besser vorstellen, dass sie Hilfe bekommen."

Angstgefühle seien nach den Übergriffen grundsätzlich normal, erläuterte die Psychologin. Sie rate dazu, die Angst zuzulassen und mit anderen darüber zu sprechen. Besonders wirksam sei, sich eine Bedrohungssituation möglichst konkret vorzustellen: "Man sollte sich überlegen, was man dann tun kann. Man kann beispielsweise fliehen oder andere Passanten ansprechen." Es helfe, dass durch solche Gedanken eine diffuse Situation greifbar werde.