22.06.2016

Gedenken an Überfall auf die Sowjetunion

epd

Berlin (epd). Am 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion ist in Berlin an die Opfer des Vernichtungskriegs der Nationalsozialisten erinnert worden. "Kein Land hat im Zweiten Weltkrieg so große Opfer gebracht wie die Sowjetunion: Fast 27 Millionen Menschen verloren ihr Leben", sagte Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch in Berlin. Die Bundesregierung nannte das Leid der Sowjets in diesem Rassen- und Vernichtungskrieg unermesslich. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) räumte ein, die Millionen zu beklagenden Opfer hätten nach dem Kriegsende in Deutschland nur wenig Aufmerksamkeit erfahren. Dabei sei ihre Geschichte "auch Teil unserer Geschichte", betonte der CDU-Politiker.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mahnte im Bundestag, Deutschland müsse sich im Erinnern an die schrecklichen Ereignisse seiner Verantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa vergewissern. In Zeiten der Spannungen zwischen Moskau und Europa sowie dem Natobündnis sei es wichtiger denn je, sowohl auf Abschreckung als auch auf Dialog zwischen beiden Seiten zu setzen. Dauerhafte Sicherheit in Europa könne es nicht ohne Russland geben, betonte Steinmeier.

Dem schloss sich Bundesratspräsident Stanislaw Tillich (CDU) an. Es sei notwendig, aufeinander zuzugehen. "Wir waren selbst im Kalten Krieg miteinander nicht sprachlos", sagte er bei einer Gedenkveranstaltung im Berliner Dom. Zugleich mahnte er, die Erinnerung an den Vernichtungskrieg für kommende Generationen wachzuhalten. Eine Relativierung oder selektive Wahrnehmung dürfe es nicht geben, betonte der sächsische Ministerpräsident.

Die deutsche Wehrmacht hatte den Krieg gegen die Sowjets am 22. Juni 1941 begonnen. Er war von den NS-Kriegsstrategen vorbereitet worden, die nach Angaben von Historikern mit 30 Millionen Toten rechneten. Die Opposition im Bundestag kritisierte angesichts der Verbrechen der Nationalsozialisten in der Sowjetunion, dass im Parlament keine offizielle Gedenkveranstaltung abgehalten wurde. Der Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi sagte, dies "wäre angemessen gewesen."

Die Grünen im Bundestag dringen unterdessen darauf, die sowjetischen Kriegsgefangenen als Opfer des NS-Regimes anzuerkennen. Zwar habe der Bundestag im vergangenen Jahr für sie eine Entschädigung in Höhe von jeweils 2.500 Euro beschlossen. "Aber Geld ist das eine, klare, unmissverständliche Worte sind das andere", schreiben die Abgeordneten Marieluise Beck und Volker Beck. Auch Gauck stellte heraus, das grauenhafte Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland bis heute "noch weitgehend in einem Erinnerungsschatten" liege.

Die sowjetischen Kriegsgefangenen sind nach den Juden die größte Opfergruppe unter den Nazis. Rund drei Millionen Rotarmisten starben in deutscher Gefangenschaft. Um ihr Schicksal aufzuklären, kündigte Steinmeier zusammen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow ein neues gemeinsames Projekt an. Bereits erfolgte und künftige Recherchen über den Verbleib russischer, aber auch deutscher Kriegsgefangener, sollten digitalisiert und in Datenbanken zusammengeführt werden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.