20.07.2016

Der Preis der Versöhnung

Benjamin Dürr
epd

Den Haag (epd). Ein Jahrzehnt Gewalt und Terror, Zehntausende Tote, die Hälfte der Einwohner auf der Flucht: Der blutige Bürgerkrieg in Sierra Leone hat Wunden gerissen, die auch mehr als zehn Jahre nach dem Ende der Kämpfe 2002 noch tief sind. Dennoch wächst die Gesellschaft wieder zusammen. Opfer erzählen von ihrem Leiden, Täter bekennen ihre Schuld. Doch ist diese Einheit aus Wahrheit und Versöhnung heilsam und erfolgreich?

Eine Gruppe Wissenschaftler reiste in die Dörfer des westafrikanischen Landes, um die Wirkungen der Versöhnungsbemühungen zu erforschen. Das Team führte Interviews mit fast 2.500 Menschen in 200 Orten. 100 Dörfer nahmen am Versöhnungsprogramm einer Hilfsorganisation teil, die andere Hälfte, als Kontrollgruppe, nicht. Die Bewohner wurden befragt, wie viel Kontakt sie mit ihren Nachbarn haben, wie häufig sie an die Verbrechen des Bürgerkriegs denken, was sie ihren Peinigern oder Opfern gegenüber empfinden.

Die Studie, die im renommierten Wissenschaftsmagazin "Science" erschien, zeigt deutlich, dass Versöhnung ein zweischneidiges Schwert ist. "Ein positiver Effekt der Programme ist, dass Vergebung stärker wird, selbst gegenüber den direkten Tätern", erklärt Jacobus Cilliers von der amerikanischen Georgetown University, ein Mitautor der Studie. In Dörfern, die an den Versöhnungsbemühungen teilnahmen, sprechen die Leute tatsächlich häufiger miteinander, vertrauen einander mehr, sind hilfsbereiter und öfter miteinander befreundet.

Diese Erfolge haben jedoch eine Kehrseite. Cilliers spricht vom "Preis der Versöhnung", den der Einzelne dafür zahle. "Auf einem individuellen Level geht es den Leuten schlechter", erklärt er. Die Rate der Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), die durch das Erinnern der traumatischen Erlebnisse entstehen, lag um 38 Prozent höher in den Dörfern, die Teil der Friedensprogramme waren.

Die Gemeinschaft profitiert, doch der Einzelne leidet - ein Dilemma, für das auch die Wissenschaftler keine Lösung haben. "Wir denken, dass Wahrheit und Versöhnung wichtige Ziele sind", sagt Cilliers. "Man muss sich aber klar machen, dass sie einen Preis haben."

Besonders überraschend sei, dass die nachteiligen Auswirkungen auch zehn Jahre nach den Erlebnissen noch auftreten, sagt Rolf Kleber, Professor für Psychotraumatologie an der niederländischen Universität Utrecht. "Das bedeutet, dass Warten nicht unbedingt zu einem günstigeren Effekt führt." Kleber kritisierte allerdings in der niederländischen Zeitung "De Volkskrant", dass die Studie nur auf Interviews basiert und keine medizinischen Daten oder das tatsächliche Verhalten von Menschen berücksichtigt. Die Diagnose von PTBS auf Grundlage einer sehr begrenzten Anzahl Fragen bezeichnet der Wissenschaftler als etwas zu kurz gedacht.

Für andere Länder könnten die Ergebnisse der Studie trotzdem von Bedeutung sein, denn überall werden nach Bürgerkriegen und Konflikten Programme gestartet, die das Zusammenwachsen der Bevölkerung fördern sollen. Nach dem Völkermord von Ruanda 1994 begannen überall im Land traditionelle Gacaca-Gerichte, Recht zu sprechen. Der Schwerpunkt lag dabei auf Bestrafung. In Südafrika wurde etwa zur gleichen Zeit eine Wahrheits- und Versöhnungskommission gegründet, deren Ziel eher Vergebung war.

Die einzelnen Programme unterscheiden sich, haben aber das Erzählen als gemeinsames Element: Opfer und Überlebende sagen aus und werden dadurch mit ihren Kriegserfahrungen konfrontiert. Cilliers erwartet deshalb, dass die Ergebnisse in einem anderen Land ähnlich sind. "Die Studie zeigt die große Gefahr der Re-Traumatisierung von Leuten, die über ihre Erlebnisse berichten", sagt er.

Zukünftige Versöhnungsprogramme, aber auch Gerichte wie der Internationale Strafgerichtshof oder symbolische Tribunale, sollten dies berücksichtigen. PTBS könne man vermeiden, wenn die Leute in einem geschützten Rahmen lernten, mit ihren Emotionen umzugehen. Regelmäßige Therapiegespräche in kleinen Gruppen hätten besonders positive Wirkung, erklärt Cilliers. Mit der Zeit bekämmen die Menschen so ihre Erinnerungen und Emotionen unter Kontrolle.