31.03.2015

„Weil der Planet ein Dorf geworden ist.“

Friedrich Siegmund-Schultzes deutsch-britische Friedensaktivitäten vor und im Ersten Weltkrieg (1)
Johannes Weissinger
EAK

„Friedrich Siegmund-Schultze gehörte zu den ungewöhnlichsten Menschen, denen ich begegnet bin“, schreibt Gustav Heinemann in seinem Geleitwort zu dem Gedenkbuch für Siegmund-Schultze, das 1972 unter dem Titel „Aktiver Friede“ erschien.[2] Für die Zeit des Ersten Weltkrieges gilt freilich: Siegmund-Schultze war in Deutschland ungewöhnlicher als in England.[3]

Die Friedensaktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg: Die internationale Friedenskonferenz in Konstanz

Mit Blick auf die internationale Friedenskonferenz in Konstanz sagte der norwegische Wegbereiter der Ökumene Eivind Berggrav: „Ein Friedenskongress, der eine Kriegsfront gerade im Augenblick des Kriegsausbruchs durchquert, ist wirklich etwas Einmaliges.“[5] Was für ein Anblick! Am 3. August 1914 fährt von Konstanz aus ein Eisenbahnzug quer zu den deutschen Aufmarschlinien den Rhein abwärts nach Norden. Er bringt 84 Konferenzeilnehmer – die meisten von ihnen sind Engländer und Amerikaner – in die neutralen Niederlande. [6] Organisiert hatte den Kongress und die Zugfahrt der damals noch nicht 30jährige Friedrich Siegmund-Schultze.

Bemerkenswert ist, dass der Kongress in Konstanz überhaupt stattfand, wie er ablief und was er bewirkte. Seine Vorgeschichte ist eng mit der Freundschaftsarbeit der britischen und deutschen Kirchen verbunden, die auf eine Anregung des englischen Quäkers Joseph Allen Baker (1852-1918) zurückgeht.[7] Friedrich Siegmund-Schultze ist fast von Anfang an dabei. Er nimmt teil an der „Friedensfahrt der deutschen Geistlichen“ [8] nach England 1908, organisiert im Auftrag des Berliner Oberhofpredigers Ernst von Dryander den Gegenbesuch der Briten im darauf folgenden Jahr und wird Sekretär des im Anschluss an diesen Besuch gebildeten deutschen „Ausschuss(es) der Kirchen zur Förderung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland“[9].

Für diese Arbeit war Siegmund-Schultze ein Glücksfall. Die Umkehrung stimmt auch: Durch diese Arbeit fand er zu seiner Lebensaufgabe, der er sich sein Leben lang bei allem Wandel der politischen Verhältnisse widmen wird. Wer war dieser junge Mann?

Friedrich Wilhelm Siegmund-Schultze wird am 14. Juni 1885 in Görlitz geboren – sein Vater ist dort lutherischer Pfarrer und Superintendent.[10] Nach dem Studium der Theologie und Philosophie an fünf deutschen Universitäten wird er im Domkandidatenstift in Berlin Adjunkt seines Patenon-kels Ernst von Dryander und 1909 Hilfsprediger und 1910 Pfarrer an der Friedenskirche in Pots-dam, der Hauskirche des deutschen Kaisers. Das hindert Siegmund-Schultze nicht daran, im August desselben Jahres in Berlin in einem Vortrag den Christen zu untersagen, sich mit dem Krieg als einem immer wieder einmal notwendigen Übel abzufinden.[11] Im Gegenteil: „Das Christentum kann den organisierten Massenmord nicht heilig sprechen, sondern muss erklären, dass Kriegführen ge-gen den Willen Jesu ist.“[12]

Siegmund-Schultze hat eine aussichtsreiche kirchliche Karriere vor sich, als er 1911 aus freien Stücken sein Pfarramt aufgibt. Von der Friedenskirche in Potsdam zieht er in die Friedensstraße im Berliner Osten. Seine Frau kommentiert diesen Umzug mit den Worten: „Wer in den Osten geht, geht in ein anderes Land.“[13] Dort gründet Siegmund-Schultze, inspiriert durch einen früheren Be-such des Settlement Toynbee Hall in London, die Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost.[14] Durch neue Formen der sozialen Arbeit versucht er, die im Berliner Osten drastisch vor Augen liegende soziale Kluft – man kann auch sagen: die Klassengegensätze – zu überwinden.[15] Diese Sozialarbeit tritt nicht an die Stelle seines bisherigen Engagements für Völkerverständigung, sondern ergänzt dieses. Denn Siegmund-Schultze ist überzeugt, dass, wer die Gemeinschaft der Völker anstrebt, sich auch um die Gemeinschaft in seinem eigenen Volk sorgen muss.

Nach Verlust seines Pfarrgehaltes ist das Gehalt von 1500 Mark pro Jahr, das er als Sekretär der britisch-deutschen Freundschaftsarbeit bezieht, seine wichtigste Einkommensquelle.[16] Mit Beginn des Jahres 1913 gibt er die „Vierteljahrsschrift für die Pflege [!] freundschaftlicher Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland“[17] heraus, die den auf den ersten Blick seltsam anmu-tenden Titel „Die Eiche“ trägt. Wieder gibt es ein englisches Vorbild, nämlich die Zeitschrift „The Peacemaker“.[18] Den Eröffnungsartikel seiner neuen Zeitschrift nutzt Siegmund-Schultze zu dem emphatischen Aufruf: „Pflanzt Friedenseichen für die Kirche Christi in aller Welt! Nehmt die Schlagbäume weg und legt Straßen an! Am Zoll sitzen und Einlass verwehren ist leicht, Steinqua-der zum Straßenbau herbeischaffen ist schwer. Hört auf, Gräben zu ziehen, und baut Brücken! … Wie lange noch wird das tatsächliche Verhalten der Kirchen ein Hohn sein auf das Bekenntnis zur Gemeinschaft der Heiligen!“[19] Nach Kriegsbeginn wird Siegmund-Schultze schreiben: „Die meis-ten haben den Frieden gewollt – aber wenige haben dafür gearbeitet.“[20]

Die Jahre 1913 und 1914 sind, was die deutsch-britische Freundschaftsarbeit angeht, durch zwei Tendenzen geprägt: die Verschlechterung der politischen Beziehung der beiden Staaten und die Ausweitung der Arbeit über die Zweivölkerverständigung hinaus.

Zum ersten Punkt: In die optimistische Betonung der Verwandtschaft beider Völker und ihrer gemeinsamen Interessen mischt sich Skepsis und Furcht. Das Konzept Kriegsvermeidung durch Völkerverständigung unter Einbeziehung der Kirchen verliert an Anziehungskraft.[21] In Deutschland sind „weite nationale Kreise gegen die ‚Verständigungsmeierei‘ bedenklich geworden.“[22] Man spricht zunehmend von einem Krieg zwischen England und Deutschland. Da startet Siegmund-Schultze für die Eiche eine Umfrage unter den deutschen Missionsgesellschaften: Was würde ein deutsch-englischer Krieg für die Arbeit der Mission bedeuten? Die meisten Missionsgesellschaften antworten. Der Tenor ihrer Antworten ist eindeutig: Ein Krieg zwischen den beiden wichtigsten protestantischen Mächten Europas würde das Evangelium der Liebe und des Friedens diskreditieren und den Ruin der Mission bedeuten. Eine entsprechende Umfrage des Peacemaker unter den engli-schen Missionsgesellschaften bringt dasselbe Ergebnis.[23]

Zum zweiten Punkt, die Ausweitung der deutsch-britischen Freundschaftsarbeit betreffend:[24] In den USA schließen sich friedensengagierte Kirchenvertreter zur Church Peace Union zusammen und drängen, gedrängt und gestärkt durch großzügige finanzielle Spenden des Stahlmagnaten Andrew Carnegie, auf die Ausrichtung einer internationalen Kirchenkonferenz für den Frieden.[25] In der Schweizer Kirche gibt es dazu konkrete Pläne und Einladungen für das Frühjahr 1914. Diese Pläne werden aufgegeben, als die deutschen Kirchen, mit Ausnahme der Kirche von Elsass-Lothringen, eine Teilnahme ablehnen – damit stehen sie unter den Kirchen Europas allein da.[26] Nun greifen die britischen Friedensfreunde den Gedanken einer internationalen Friedenskonferenz auf. Im Mai 1914 kommt das britische Freundschaftskomitee zu seiner Jahresversammlung zusammen. Anwesend sind auch Gäste aus den USA, Deutschland und der Schweiz, unter ihnen auch Siegmund-Schultze. Um den deutschen Kirchen entgegen zu kommen und weil Joseph Allen Baker positive Erwartun-gen an den deutschen Kaiser hegt, beschließt man, zu einer Konferenz vom 2.-4. August 1914 nach Konstanz einzuladen. Siegmund-Schultze übernimmt die Organisation.[27]

In Deutschland kann Siegmund-Schultze nur wenige Menschen für eine Teilnahme gewinnen.[28] Auch das deutsche Freundschaftskomitee ist gegen die Konferenz und fordert sogar seinen Vorsit-zenden Albert Spiecker auf, auf eine auch nur private Teilnahme zu verzichten. In der Eiche wird nicht geworben.

Trotzdem findet die Konferenz statt. 153 Personen sind angemeldet, rund 90 von ihnen sind schon am 1. August angereist. Sie kommen aus 30 Kirchen in 13 Ländern.[29] Am 2. August wird in Deutschland der reguläre Bahnverkehr eingestellt und es gilt ein allgemeines  Versammlungsverbot, vom Kaiser erlassen aus Furcht vor sozialdemokratischen Antikriegsdemonstrationen. Siegmund-Schultze bittet die badische Großherzogin Luise, eine Tante des Kaisers, um Fürsprache und erwirkt eine Ausnahmegenehmigung.[30] Die Konferenzteilnehmer versammeln sich zum gemeinsamen Ge-bet für den Frieden[31] und beschließen die Gründung des in den folgenden Tagen so genannten Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen.[32]

„Sie stoben auseinander wie eine Schar Vögel, auf die der Habicht herabfährt oder die der grollende Donner erzittern macht“, beschreibt 1932 Nathan Söderblom das vorzeitige Ende der Konstanzer Konferenz in einer bildreichen Sprache, um dann realistisch fortzufahren: „Sie erschraken nicht; aber sie hatten dennoch Eile, jeder in sein Land zu kommen, ehe die Grenzen gesperrt wurden und Schützengräben die Erde aufwühlten.“[33] Wieder waren die Beziehungen von Siegmund-Schultze gefragt. In Deutschland wurden alle Lokomotiven und Waggons für den Transport von Soldaten und Kriegsgütern gebraucht. Blieb als Ausweg nur der Sonderzug des deutschen Kaisers, den dieser seinem ehemaligen Gemeindepfarrer für den 3. August zur Verfügung stellt.

Auf dem Bahnhof in Köln verabschiedet sich Siegmund-Schultze von den ausländischen Gästen, bevor der Zug weiter fährt in die neutralen Niederlande. Der englische Quäker Henry Theodore Hodgkin beschrieb diesen Abschied später mit den folgenden Worten: „Als wir die Hurrarufe eines Truppentransports nach dem andern vernahmen, sagte Siegmund-Schultze zu mir: ‚Was auch geschehen mag, so soll doch nichts zwischen uns kommen.‘“[34] Diese Szene gilt dem Internationalen Versöhnungsbund, der sich als solcher 1919 im niederländischen Bilthoven konstituiert, als eigenes Gründungsdatum.[35] Der britische Zweig des Versöhnungsbundes, The British Fellowship for Reconciliation, gründete sich im Dezember 1914 in Cambridge.[36] Auch Siegmund-Schultze sammelt in den folgenden Kriegsjahren Menschen als Mitglieder einer inoffiziellen Gruppe des Versöhnungsbundes um sich. Dass Siegmund-Schultze bei dem Abschied von Hodgkin die Herrnhuter Losungen aus seiner Tasche geholt und den Text für den 4. August „Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen“ vorgelesen haben soll, wie Hermann Maas in einem Porträt Siegmund-Schultzes schreibt,37 passt zwar gut zu Siegmund-Schultzes Person [38], kann aber historisch so nicht gewesen sein, weil an diesen Tagen andere Bibeltexte in den Losungen standen.[39]

Friedensaktivitäten während des Weltkrieges: Kriegsgefangenenhilfe und Publizistik

Die Quäker in England nehmen sich in der Folgezeit der deutschen Zivilinternierten und Kriegsge-fangenen an und unterstützen sie großzügig. Im Gegenzug ruft Siegmund-Schultze in Berlin die – politisch geschickt so bezeichnete – „Auskunfts- und Hilfsstelle für Deutsche im Ausland und Aus-länder in Deutschland“ ins Leben und wirbt um Mitarbeit: „Auch in Kriegszeiten ist der unser Nächster, der unserer Hilfe bedarf, und bleibt Feindesliebe das Erkennungszeichen derer, die dem Herrn die Treue halten.“[40]

Ungefährlich ist diese Arbeit für Siegmund-Schultze nicht. Ob es seine Hilfe für die Engländer im Lager Ruhleben bei Berlin[41], die ihn dem Verdacht, ein Spion in englischen Diensten zu sein, ist oder die Verbreitung eines Aufrufs der Quäker gegen den Krieg, die ihn, denunziert durch ein Mit-glied der Kirchenleitung, im Herbst 1914 vor ein Militärgericht bringt,[42] darüber gibt es verschiede-ne Angaben. In einem Schnellverfahren wird Siegmund-Schultze zum Tode verurteilt. Das Leben rettet ihm ein persönlicher Brief des Kaisers an ihn, den Siegmund-Schultze nach der Urteilsver-kündung vorlesen darf, nachdem er zuvor nicht zu Wort gekommen ist. In dem Brief bezeichnet Kaiser Wilhelm Siegmund-Schultzes Haltung als eine rechte Haltung des Christen gegenüber dem Krieg, die er aber als Kaiser nicht einnehmen könne, da für ihn die grausame Notwendigkeit des Krieges anders entschieden habe. Für den Militärrichter ist das wahrlich eine verblüffende Aussage, auf die hin das Urteil sofort aufgehoben wurde.[43] Neben der sozialen Arbeit ist es vor allem seine Tätigkeit als Herausgeber der Eiche, die als Eintre-ten Siegmund-Schultzes für den Frieden zu würdigen ist.[44] Die Eiche veröffentlicht all die Kriegs-jahre hindurch Stimmen aus England, der Schweiz, Frankreich, den USA und anderen Ländern. Es sind vor allem die Quäker, denen erkennbar die Sympathie Siegmund-Schultzes gilt.[45] Siegmund-Schultze will, wie er zu Beginn des Jahres 1915 ankündigt, nicht nur kirchliche Stimmen, sondern auch die Stimmen von Intellektuellen und Künstlern sowie „die Haltung des Sozialismus der ver-schiedenen Länder“ und „die Stellungnahme der großen Frauenverbände zum Kriege“ veröffentli-chen.[46] Von Anfang an geschieht dies unter den Bedingungen der Zensur[47], was den Beziehern der Zeitschrift Mitte 1915 durch weiße Flächen zwischen dem abgedruckten Text offen vor Augen geführt wird.[48]

Mit der Veröffentlichung der Stimmen aus dem Ausland praktizierte Siegmund-Schultze eine Haltung, die er 1913 in der ersten Nummer der Eiche programmatisch und aus heutiger Sicht auch amüsant beschrieben hatte: Ein deutscher Wanderer, der Eichen nur als deutsche Eichen kennt, sieht in England eine Eiche. Kann das sein oder wird er von seinen Sinnen getäuscht? Er ringt mit sich. Weil er aber als Deutscher wahrhaftig ist, anerkennt er schließlich, dass es auch in England Eichen gibt.[49]

Die erste Kriegsausgabe der Eiche veröffentlicht im November 1914 das sog. Weißbuch der Engländer über die diplomatische Vorgeschichte des Krieges. Die Veröffentlichung dieses regierungs-amtlichen Dokuments versteht Siegmund-Schultze als Dienst an der Wahrheit, zu der „wir Deutsche … uns unbedingt bekennen müssen … Wir haben seit Kriegsbeginn, seit der großen Reichskanzlerrede vom 4. August, einen Bund mit der Wahrheit geschlossen.“ Dazu gehört, „gerade die stärksten Argumente unserer Gegner in Erfahrung zu bringen und unsern Landsleuten bekannt zu machen.“ Die Wahrheit wende sich allerdings in diesem Fall auch gegen den Herausgeber des Weißbuches, so Siegmund-Schultze, da Unstimmigkeiten innerhalb des Weißbuches für sich selbst sprächen. Nichtsdestotrotz gelte es, die öffentliche Meinung Englands und weiter Kreise des Aus-lands und deren Gründe zu kennen. Denn: „Wer überhaupt nicht mehr versucht, den Gegner zu ver-stehen, stehle sich aus unserm Bund – dem deutschen Bund mit der Wahrheit.“[50]

Wohlgemerkt: Deutsch ist der Bund mit der Wahrheit, nicht die Wahrheit selbst. Von dieser schreibt Siegmund-Schultze 1915: „Die Wahrheit ist nicht völkisch … und das Streben nach Wahrheit ist nicht auf ein einzelnes Volk beschränkt. Die Forschung ist international. Dagegen nützt kein Toben und Schreien: die Wissenschaft ist und bleibt international.“[51] Für die Zeit des Krieges, die Hellmut von Gerlach „die große Zeit der Lüge“[52] genannt hat, sind das starke Sätze.

In seinem Eintreten für die Wahrheit hat Siegmund-Schultze auch die Zeit nach dem Krieg im Blick. „Nur wenn wir jetzt diese finsteren Mächte [sc. des Hasses und der Lüge] bekämpfen, wer-den wir im Frieden über sie die Kontrolle behalten, … werden wir nach dem Kriege für Liebe und Wahrheit eintreten können,[53] wie er Ende 1915 in einem Memorandum über die Freundschaftsar-beit der Kirchen schreibt. Wenn er an die Zeit nach dem Krieg denkt, sieht er eine starke Friedens-arbeit vor sich, die aus dem Krieg hervorgewachsen sein wird. „Vor allem die Kirchen werden es nicht mehr fertig bringen, sonntäglich ´für den Frieden der ganzen Welt` zu beten, ohne mit der Tat dafür einzutreten.“[54]

Die Haltung Siegmund-Schultzes zwischen Patriotismus und Internationalismus[55]

„In seinem Denken und im Gespür für das, was die Stunde gebot, war er seiner Umwelt weit voraus“, schrieb Gustav Heinemann 1972 über Siegmund-Schultze56, und Hermann Maas erinnert sich: „Wenn einer unter all den Männern guten Willens [sc. die Teilnehmer der Konstanzer Konfe-renz] in jenen Tagen seinen Glauben nicht verlor, war es Friedrich Siegmund-Schultze … Ihm war das Wort ‚Freundschaft‘ ein ganz großes, heiliges Wort.“[57] Demgegenüber titelt die Zeitschrift Zeit-zeichen (oder die Autorin selbst?): „Dem Geist von 1914 erlegen“.[58]

Was die Kriegsbegeisterung zu Beginn des Krieges, deren Beschwörung freilich weithin ein Mittel der Kriegspropaganda war,[59] angeht, gibt es entsprechende Äußerungen von Siegmund-Schultze. Sehr viele der studentischen Helfer der Sozialen Arbeitsgemeinschaft hatten sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, einige warteten noch auf ihre Einberufung. Siegmund-Schultze war zwar nicht mehr als Pfarrer, wohl aber wegen eines Hüftfehlers von dem Militärdienst ausgeschlossen. Bleibt die (für ihn selbst tröstliche?) Feststellung: „Auch wir in der Heimat, die wir unter dem Ur-teil leiden ‚nicht felddienstfähig‘, können doch manches tun“, stehen „mit Euch dort draußen in einer Schlachtreihe“.[60]

Anderthalb Jahre später wertet Siegmund-Schultze den zivilen Dienst als einen eigenständigen, ja gegenüber dem Militärdienst sogar wichtigeren Dienst: „Inmitten des Kampfes der Völker hat sich ein zweiter Kampf erhoben, der noch stärker an die Ehre der Kämp-fenden greift als Siegen und Unterliegen: ein Kampf um die Vorherrschaft auf geistig-sittlichem Gebiete“, in dem „die innere Erneuerung unseres Volkes wichtiger ist als eine äußere Erweiterung“.[61] Was den „Geist von 1914“ in sozialer Hinsicht angeht, ist ihm Siegmund-Schultze nur kur-ze Zeit erlegen. „Der Krieg hat uns (ja) mit einem Schlage eine schnelle, wenn vielleicht auch nur kurze Erfüllung unserer tiefsten Wünsche gebracht: ein einiges Volk, Verschwinden aller harten Standesunterschiede, … Liebe zum Nächsten, Rückkehr zu Gott.“[62] Im Frühjahr 1915 bilanziert er nüchtern: Die Klassengegensätze haben sich durch den Krieg verschärft.[63] Den Kirchen hält er die „Selbstsucht des kirchlichen Interesses“ vor, kritisiert, dass den Kirchen „nur daran gelegen ist, die Kirchen zu füllen.“[64]

Siegmund-Schultze besaß einen nüchternen Blick auf das Motiv der Wirtschaftsinteressen in den internationalen Beziehungen. Das zeigt die Tatsache, dass er 1914 in der Eiche einen Artikel des wegen seiner Kritik an der Rüstungsindustrie geschmähten und aus dem Dienst entfernten Pastors Hermann Kötzschke (1862-1943)[65] drucken ließ, in dem dieser zeigte, wie die Rüstungsfirmen ihre Produkte an alle verkaufen, die bezahlen können. „Das Kapital ist international, und es ist nur auffällig, dass man es duldet, dass solche Kriegsfirmen nebenher sich wer weiß wie sehr mit einer patriotischen Dunstwolke umgeben.“[66]

Nicht zu leugnen sind Äußerungen Siegmund Schultzes schon vor Kriegsbeginn, die man nationa-listisch, auch rassistisch nennen könnte.[67] Ob diese, wie es Wolfgang Schweitzer nahe legt, dem von ihm „fatal“ genannten „Versuch dieses gewiss aufrechten Pioniers der Friedensarbeit der Kirchen, den rechtsgerichteten Kreisen das Wasser abzugraben“,[68] zugerechnet werden können, ist schwer zu entscheiden. Hans Gressel schreibt von der „Gratwanderung eines Patrioten“.[69]

Was den Patriotismus Siegmund-Schultzes, ja seinen zeitweiligen Stolz, Deutscher zu sein, angeht, so darf nicht übersehen werden, dass seine Vaterlandsliebe, zumindest was das Ziel angeht, sich nicht gegen die anderen Völker richtet, sondern auf den Frieden der Völker bezogen ist. Der „Kampf um die Vorherrschaft auf geistig-sittlichem Gebiet“, von dem Siegmund-Schultze 1916 schreibt, ist ein „Wettstreit um die Erfüllung der Menschheitspflichten“, ein „Wettstreit der Lie-be“.[70] „Wenn wir unser Vaterland von ganzem Herzen lieben, werden wir als Christen wünschen, dass es in der Befolgung der Gebote Gottes den anderen Völkern vorangeht“, hatte Siegmund-Schultze 1913 in dem Artikel „Friede und Mission“ geschrieben und daran erinnert, dass das „Ge-het hin in alle Welt“ im Neuen Testament untrennbar mit dem „Friede sei mit euch“ verbunden ist.[71] Und wenn er in dem Artikel „Völkerschlachtdenkmal und Friedenspalast“[72] aus demselben Vorkriegsjahr denen, die nur das Völkerschlachtdenkmal sehen, vorgeworfen hatte, sie vergäßen, Menschen zu sein und Pflichten gegen die ganze Menschheit zu haben, und denen, die nur den Friedenspalast sehen, dass sie vergäßen, Deutsche zu sein und ihr Herz nicht beliebig verschenken zu dürfen, so hat er nur auf den ersten Blick beide Verpflichtungen gleichgestellt. Durch die Fortsetzung – „beide vergessen vielleicht, dass sie Christen sind“ – setzt er beide in eine spezifische Beziehung. Man kann, so Siegmund-Schultze im Schlusssatz seines Artikels, „Gott weder zum Vorstandsmitglied des Alldeutschen Vereins noch zum Ehrenmitglied einer Abrüstungskonferenz machen, sondern man beuge sich unter die Hand dessen, der das Jahrhundert von der Völker-schlacht zur Friedensfeier geführt hat!“[73] Das Völkerschlachtdenkmal und der Friedenspalast stehen also nicht gleichgewichtig nebeneinander, die Geschichte hat ein Gefälle von dem einen zum anderen.[74]

Eine letzte Bemerkung zum Patriotismus Siegmund-Schultzes: In Verbindung mit seinem christli-chen Glauben macht der Patriotismus Siegmund-Schultze nicht blind, sondern hellsichtig für die Schuld des eigenen Volkes. Schon 1915 schreibt er: „Wenn wir aber die Schuld, die auf unserem Volk liegt, freudig auf uns nehmen, erkennen wir uns auch einzeln, jeder für sich, als mitschuldig. Das sind schlechte Deutsche, die für die Schuld des Ganzen nicht mitverantwortlich sein wollen.“[75] Und ein Jahr später schreibt er: „Wir Christen werden diesen Krieg in unserem Gewissen nicht los … Unsere Schuld! Wir fühlen deutlich, dass unsere ganze Art zu leben dem Krieg nur allzu ver-wandt war; das Leben der Menschen untereinander, der Christen untereinander war so beschaffen, dass seine Übertragung ins Große zu einer solchen Katastrophe des Hasses führen musste.“[76] Das darf und muss freilich nicht so bleiben. Denn: „Wir glauben an eine Macht, die stärker ist als der Hass.“[77]

Am Ende des Krieges ist Friedrich Siegmund-Schultze 33 Jahre alt. Vor ihm liegen noch gut 50 Lebensjahre, in denen er wie in der Zeit vor und in dem Ersten Weltkrieg den Frieden sucht und
diesem nach jedem Scheitern von neuem nachjagt (vgl. Psalm 34,15).78 Sein Wirken zeigt in einer Vielzahl der Arbeitsfelder, von der man kaum glauben mag, dass sie in einem Leben Platz haben,79 dass die Arbeit für den internationalen Frieden und die Arbeit für soziale Gerechtigkeit zusammen gehören und dass die Christen und Kirchen diesen Zielen nur in ökumenischer Verbundenheit und Zusammenarbeit dienen können.[80]

Am 11. Juli 1969 ist Friedrich Siegmund-Schultze in Soest gestorben. Zehn Tage zuvor hatte Gus-tav Heinemann in seiner Antrittsrede als Bundespräsident gesagt: „Nicht der Krieg ist der Ernstfall, in dem der Mann sich zu bewähren habe …, sondern der Friede ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bewähren haben.“[81] Das war ganz im Sinne von Siegmund-Schultze gesprochen,[82] und auch die folgenden Sätze am Ende dieser Rede Heinemanns hätten von ihm sein können: „Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland. Hier leben und arbeiten wir. Darum wollen wir unseren Beitrag für die eine Menschheit mit diesem und durch dieses unser Land leisten.“[83] Von dem globalen Horizont unserer Verantwortung hat Siegmund-Schultze schon vor hundert Jahren gesprochen: Die Völker hätten ihr Verhalten ändern müssen und müssten es noch –, „weil eben der Planet ein Dorf geworden ist.“[84] Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft Kriegsdienstverweigerung und Frieden verleiht seit 1994 in unregelmäßigen Abständen ihren „Friedrich Siegmund-Schultze-Förderpreis für gewaltfreies Handeln“, zuletzt im Mai 2014 an die israelisch-palästinensische Gruppe „Combatants for Peace“.[85] Sie versucht mit dieser Namensgebung, an das Wirken dieses Pioniers der Friedensarbeit zu erinnern.

Fußnoten

1 Der Stil des mündlichen Vortrages, vor allem der Gebrauch des erzählenden Präsens, ist weitgehend beibehalten.
2 Gustav Heinemann, Geleitwort, in: Aktiver Friede. Gedenkschrift für Friedrich Siegmund-Schultze (1885-1969), hg. von Hermann Delfs, Soest 1972, S. 1.
3 Die Basis für die Freundschaftsarbeit der britischen und deutschen Kirchen war in England „sehr viel breiter“ als in Deutschland. Vgl. Christa Stache, Dem Geist von 1914 erlegen. Ein Berliner Theologe arbeitete für die Verständigung der Kirchen Deutschlands und Englands, in: Zeitzeichen 7/2014, S. 32-34, hier: S. 33.
4 Hermann Delfs sieht in ihr den „eigentliche[n] Anfang der modernen Ökumenischen Bewegung in den kontinentalen Ländern Europas“. Hermann Delfs, Der Weg der ökumenischen Freundschaftsarbeit, in: Lebendige Ökumene. Fest-schrift für Friedrich Siegmund-Schultze zum 80. Geburtstag, Witten 1965, S. 45.
5 Zitiert nach Hermann Delfs, Aktiver Friede. Zum 100. Geburtstag Friedrich Siegmund-Schultzes (1885-1969), in: Die Zeichen der Zeit 5/1985, S. 132.
6 Vgl. Friedrich Siegmund-Schultze, Vor 50 Jahren: Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen, in: Ökumenische Rundschau 4/1964, S. 349.
7 Näheres im Beitrag von Bendix Balke in diesem Band.
8 Delfs, Aktiver Friede, aaO. (Anm. 1), S. 132. 9 Harmjan Dam, Der Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen 1914-1948. Eine ökumenische Friedensorganisati-on, Frankfurt a.M. 2001, S. 37.
10 Zur Bedeutung des Vaters Friedrich Siegmund-Schultze für den gleichnamigen Sohn vgl. Anm. 14.
11 Siegmund Schultze hält diesen Vortrag in der Sektion „Die Religion und der Friede“ auf dem 5. Weltkongress für Freies Christentum und Religiösen Fortschritt in Berlin (5.-10. August 1910). Vollständig abgedruckt ist der Vortrag in: Monatsschrift für Pastoraltheologie 1910, S. 102-106, teilweise in: Friedrich Siegmund-Schultze, Friedenskirche, Kaf-feeklappe und die ökumenische Vision. Texte 1910-1969, hg. von Wolfgang Grünberg u.a., München 1990. Angaben nach: Karlheinz Lipp, Berliner Friedenspfarrer und der Erste Weltkrieg. Ein Lesebuch, Freiburg 2013, S. 19 und S. 30.
12 Siegmund-Schultze, Texte, aaO. (Anm. 11), S. 181.
13 Vgl. Rolf Lindner (Hg.), „Wer in den Osten geht, geht in ein anderes Land.“ Die Settlementbewegung in Berlin zwi-schen Kaiserreich und Weimarer Republik, Berlin 1997.
14 Auf noch eine andere Motivationsquelle weist Demke hin: „Mit seiner Sozialen Arbeitsgemeinschaft führt er aus, was der Vater, von ihm zeitlebens hoch verehrt, gepredigt hat... Äußerlich war der Weg von der Friedenskirche zur Frie-densstraße ein Umbruch, innerlich ein stetes Voranschreiten in die durch die väterliche Tradition vorgezeichnete Rich-tung.“ Christoph Demke, Friedrich Siegmund-Schultze als christlicher Pazifist, in: Heinz-Elmar Tenorth u.a. (Hgg.), Friedrich Siegmund-Schultze (1885-1969). Ein Leben für Kirche, Wissenschaft und soziale Arbeit, Stuttgart 2007, S. 105f.
15 Zwei Zitate aus dem Jahr 1912 sollen andeuten, wie Siegmund-Schultze die Herausforderungen beschreibt, denen er sich stellen will: „Unter den Verhältnissen des Ostens reden die Worte nicht mehr, Taten sind notwendig und die predi-gen.“ „Der Arbeiter verlangt keine Wohltaten, sondern sein gutes Recht; auch von der Kirche wünscht er keine Mission im landläufigen Sinne, sondern soziale Arbeit.“ Zitiert nach Hans Gressel, Für eine solidarische Kirche der Zukunft, Friedrich Siegmund-Schultze Mitbegründer der Ökumene und Pionier der Friedensbewegung, Sonderdruck aus „Junge Kirche“ 8-10/1985, S. 7. 16 Die seiner Arbeit zugrunde liegende Theologie Siegmund-Schultzes bezeichnet Hans Gressel nach Adam Weyer als „Inkarnationstheologie“. AaO., S. 5. Vgl. Dam, Weltbund, aaO. (Anm. 9), S. 32.
17 Beachte den Begriff „Pflege“ im Untertitel der Zeitschrift im Unterschied zu dem Begriff „Förderung“ im Namen des Komitees der Freundschaftsarbeit.
18 Die erste Nummer erschien im Juli 1911 – übrigens mit dem Bild einer Eiche auf der Titelseite. Endredakteur war James Henry Rushbrooke, ein prominenter Baptistenpfarrer und Leiter des Baptistischen Weltbundes. Ab 1915 trug die Zeitschrift den Namen „Goodwill“. Vgl. Dam, Weltbund, aaO. (Anm. 9), S. 38f.
19 Die Eiche 1913, S. 4.
20 Die Eiche 1915, S. 1 (Hervorhebung im Original).
21 Zu beachten ist freilich auch für die früheren Jahre der Hinweis von Christa Stache: „In der inhaltlichen Arbeit war das deutsche Komitee – im Gegensatz zu den Engländern – aber sehr darauf bedacht, dass sich seine Aktivität aus-schließlich auf die freundschaftlichen Beziehungen der Kirchen konzentrierte.“ Stache, Geist von 1914, aaO. (Anm. 3), S. 33.
22 Die Eiche 1914, S. 3. 23 Vgl. Friedrich Siegmund-Schultze, Friede und Mission, in: Die Eiche 1914, S. 34ff.
24 Diese Ausweitung war im britischen Freundschaftskomitee von Anfang an angedacht. Vgl. die Glückwünsche des britischen Komitees zum Erscheinen der „Eiche“ und den Wunsch, dass das deutsche Komitee glücklich vorwärts schreite „in seiner Arbeit für eine Sache, die nicht nur die beiden Völker angeht, sondern die des Reiches Gottes ist.“ James Henry Rushbrooke, in: Die Eiche 1913, S. 11.
25 Andrew Carnegie, in dessen Haus die Church Peace Union am 10. April 1914 offiziell gegründet wurde, knüpfte seine Donation an die schnellstmögliche Einberufung einer solchen Konferenz. Vgl. Dam, Weltbund, aaO., S. 46f.
26 Vgl. Kirchliche Stimmen aus der Schweiz, in: Die Eiche 1916, S. 72f.
27 Vgl. Dam, Weltbund, aaO., S. 51f.
28 In Konstanz sind schließlich nur drei Theologen aus Deutschland dabei: der Pfarrer aus Konstanz, Pfarrer Ernst Böhme aus Kunitz bei Jena, und Siegmund-Schultze. Nach Gressel, Solidarische Kirche, aaO. (Anm. 15), S. 10. Anders Dam: „Von der deutschen Delegation erreichte … niemand Konstanz.“ Dam, Weltbund, aaO. (Anm. 9), S. 55. Vgl. auch Hermann Maas, der von einer Teilnehmerin an der Konferenz schreibt: „Die greise Großherzogin Luise von Baden … nahm in rührender Weise an ihren Verhandlungen teil.“ In: Lebendige Ökumene, aaO. (Anm. 4), S. 31.
29 In der Literatur werden unterschiedliche Zahlen genannt. Nach Dam, Weltbund, aaO. (Anm. 9), S. 54, sind es 80 Teilnehmer. Siegmund-Schultze, Vor 50 Jahren, aaO. (Anm. 6), S. 348, spricht von etwa 120 kirchlichen Delegierten. 30 Gressel, Solidarische Kirche, aaO. (Anm. 15), S. 10f.
31 Vgl.: „Unter dem Eindruck der Not der Zeit war die Konferenz nicht eigentlich eine Beratung, sondern eine Gebets-versammlung.“ Delfs, Weg, aaO. (Anm. 4), S. 46.
32 Der englische Name „The World Alliance of Churches for Promoting International Friendship“, der von den briti-schen und amerikanischen Teilnehmern der Konferenz in Konstanz am 6. August 1914 in London festgelegt wurde, setzt den Akzent des neu gegründeten Weltbundes stärker als die deutsche Bezeichnung auf den Gedanken der Freund-schaft zwischen den Nationen. Vgl. Dam, Weltbund, aaO. (Anm. 9), S. 62f.
33 Nathan Söderblom, Aus kleinen Anfängen, in: Die Eiche 1932, S. 48.
34 Ebd., S. 49.
35 Diese Szene ist oft beschrieben worden. Hier sei eine amerikanische Stimme zitiert: Hodgkin und Siegmund-Schultze „believing that the bonds of Christian love transcended all national boundaries, vowed that they would refuse to sanc-tion war or violence and that they would sow the seeds of peace and love no matter what the future might bring. As they shook hands in farewell, they agreed that they were one in Christ and can never be at war. Out of this vowe the fellow-ship of Reconsiliation was born.” Richard Deats, The rebel Passion. Eighty-five Years of the Fellowship of Reconsilia-tion, in: Peace is the way, ed. by Walter Wink, New York 2000, S. XVf.
36 Die 128 Gründungsmitglieder wählten Henry Hodgkin zu ihrem ersten Vorsitzenden. Vgl. Deats, The rebel Passion, aaO. (Anm. 35), S. XVI. 37 Hermann Maas, Friedrich Siegmund-Schultze. Ein Bahnbrecher christlicher Solidarität, in: Günter Gloede (Hg.), Ökumenische Gestalten, Berlin (Ost) 1974, S. 101. Vgl. auch Dam, Weltbund, aaO. (Anm. 9), S. 61. Nach Söderblom hat auch Hodgkin dies erzählt, allerdings in einem anderen Zusammenhang. Bei seinem Wiedersehen mit Siegmund-Schultze „zwölf Monate später“ habe dieser ihm die angegebene Losung vorgelesen. In: Söderblom, Anfänge, aaO. (Anm. 33), S. 49.
38 Vgl. Delfs, Aktiver Friede, aaO. (Anm. 1), S. 134: „Der Heidelberger Stadtpfarrer Hermann Maas (1877-1970), seit 1914 Weggenosse Siegmund-Schultzes, erlebte oft dessen Charisma, durch eine Schriftlesung – häufig in fremden Sprachen – auch die schärfsten Gegensätze zu versöhnen.”
39 Laut Auskunft der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut an den Verfasser vom 1.7.2014 waren die Losung und der Lehrtext am 3. August 1914 Psalm 5,4 und Röm.15,10 und am 4. August 1914 Psalm 9,3 und Röm. 8,15. Der Text aus Offenbarung 3,8 stand in den Jahren 1914 bis 1918 nur am 1. Mai 1916 in den Losungen. An diesem Tag war er übrigens der Lehrtext zu der Losung aus Jesaja 48,18: „O dass du auf meine Gebote merktest, so würde dein Friede sein wie ein Meeresstrom, und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen.“
40 Die Eiche 1914, Heft 4, S. 111. Ich verweise auch für diesen Teil des Wirkens von Siegmund-Schultze auf den Bei-trag von Bendix Balke.
41 So Heinz Kloppenburg, einem Bericht Siegmund-Schultzes folgend: „Seine Betreuung der englischen Zivilgefange-nen im Jahre 1914 brachte ihn an den Rand des Todes.“ In: Heinz Kloppenburg, Die innerdeutsche Friedensarbeit Siegmund-Schultzes, in: Lebendige Ökumene, aaO. (Anm. 4), S. 53.
42 So Klaus Rehbein, Friedrich Wilhelm Siegmund-Schultze: Wahrheit leben, in: Friedrich Siegmund-Schultze 1885 – 1969. Begleitbuch zu einer Ausstellung anlässlich seines 100. Geburtstags, veranstaltet vom Evangelischen Zentralar-chiv in Berlin, bearbeitet von Christa Stache, Berlin 1985, S. 19.
43 Vgl. Gressel, Solidarische Kirche, aaO. (Anm. 15), S. 11; Rehbein, Siegmund-Schultze, aaO. (Anm. 42), S. 20. 44 Der Berliner Vorgesetzte Siegmund-Schultzes Generalsuperintendent Friedrich Lahusen riet ihm, die Herausgabe der Eiche einzustellen. Vgl. Dam, Weltbund, aaO. (Anm. 9), S. 72. Siegmund-Schultze folgte diesem Rat nicht, aber die erste Kriegsausgabe der Eiche erscheint verzögert im November 1914 ohne den gewohnten Untertitel „Vierteljahrschrift zur Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland“. Stattdessen heißt es auf der Titelseite lapidar „Die Eiche – herausgegeben von Friedr. Siegmund-Schultze“. Ab Januar 1915 bekommt die Eiche den neuen Untertitel „Vierteljahrschrift für Freundschaftsarbeit der Kirchen. Ein Organ für soziale und internationale Ethik“.
45 „Einen erfreulichen Eindruck werden fast nur die Stimmen der ‚Vereinigung der Freunde‘ machen; die Quäker sind bekanntlich Christen der Tat.“ In: Die Eiche 1916, S. 2; vgl. auch die Charakterisierung der Quäker durch Christa Stache: Die Freundschaftsarbeit wurde in England „zum guten Teil von den Quäkern getragen, die weniger aus politi-schen Rücksichten handelten als die Geistlichen der staatsnahen deutschen Landeskirchen und dadurch aktiver und effektiver auftreten konnten.“ Stache, Geist von 1914, aaO. (Anm. 3), S. 33.
46 Die Eiche 1915, S. 4.
47 Delfs, Aktiver Friede, aaO. (Anm. 5), S. 132: „Die ‚Eiche‘ erhielt von der Militärzensur nicht die Erlaubnis, über den Weltbund zu berichten. Insbesondere wurde ihr nicht gestattet, die Konstanzer Resolutionen zur Weltlage abzudru-cken.“
48 Die Redaktion der Eiche kommentiert dies auffällige Schriftbild auf einem angehefteten Blatt wie folgt: „Nachdem uns am 10. August von der Zensur-Behörde die Erlaubnis zum unveränderten Abdruck unserer Juli-Nummer gegeben und daraufhin die Drucklegung nahezu vollendet war, wurde am 17. August unter Aufhebung der Druckerlaubnis das Heft noch einmal eingefordert. Es wurden dann zahlreiche Streichungen vorgenommen, deren Spuren wir schon des-halb nicht entfernen konnten, weil durch die Lücken der Zusammenhang unterbrochen wurde. Wir bitten unsere Leser, die weißen Flächen im Sinne des unterbrochenen Gedankenganges selbst zu ergänzen, bis wir einmal in der Lage sind, die Feststellungen, die wir im Interesse der Wahrheit gemacht haben, unsern Lesern in vollem Umfang zugänglich zu machen.“
49 Vgl. Die Eiche 1913, S. 2. 50 Die Eiche 1914, Heft 4, S. I-VII.
51 Die Eiche 1915, S. 92.
52 Hellmut von Gerlach, Die große Zeit der Lüge. Der Erste Weltkrieg und die deutsche Mentalität (1871-1921), Bre-men 1994.
53 Die Eiche 1919, S. 36.
54 Die Eiche 1915, S. 1.
55 Vgl. Dam, Weltbund, aaO. (Anm. 9), S. 72: Siegmund-Schultze war „während des Krieges zwischen Patriotismus und Internationalismus hin- und hergerissen.“ Diese Formulierung Dams halte ich, was das Prädikat und das Zeitadverb angeht, für überzogen. Ich würde auch nicht, wie es Dam in diesem Zusammenhang tut, von einem „Dilemma“ spre-chen.
56 Heinemann, Geleitwort, aaO. (Anm. 1), S. 1. 57 Maas, in: Lebendige Ökumene, aaO. (Anm. 4), S. 31.
58 Stache, Geist von 1914, aaO. (Anm. 3), S. 32.
59 Vgl. Volker Ullrich, Kriegsbegeisterung, in: Gerhard Hirschfeld (Hgg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2009, S. 630.
60 Friedrich Siegmund-Schultze, Krieg, in: Nachrichten aus der Sozialen Arbeitsgemeinschaft, November 1914, zitiert nach: Lipp, Berliner Friedenspfarrer, aaO. (Anm. 11), S. 143, S. 145.
61 Friedrich Siegmund-Schultze, Caritas inter arma, in: Die Eiche 1916, S. 89f.
62 Die Eiche 1916, S. 143f.
63 Friedrich Siegmund-Schultze, Haltung und Stimmung von Berlin-Ost während der ersten Kriegsmonate, in: Nach-richten aus der Sozialen Arbeitsgemeinschaft, März 1915, in: Lipp, Berliner Friedenspfarrer, aaO. (Anm. 11), S. 145ff. Siegmund-Schultze führt eine Reihe konkreter Beispiele an, z.B. die Versorgung des Ostens mit Gemüse und Obst oder mit Petroleum. „Die Einstellung des Eisenbahnverkehrs nimmt den kleinen Händlern [sc. des Berliner Ostens] die Mög-lichkeit von Ankauf und Verkauf, während die großen Geschäfte [sc. des Berliner Westens] sich ihre Bestände vermit-telst ihrer großen Lager ergänzen können.“ Ebd., S. 145.
64 Ebd., S. 152.
65 Pastor a.D. H. Kötschke, Englische Rüstungslieferanten, in: Die Eiche 1914, S. 37ff. Dass Kötzschke nicht nur die englischen Rüstungsfirmen im Blick hat, zeigt die Nennung von Krupp und Schneider-Chreuzot neben Armstrong und Vickers. Der Autorenname in der Eiche enthält offenkundig einen Schreibfehler. Zur Person Kötzschke vgl. Lipp, Ber-liner Friedenspfarrer, aaO. (Anm. 11), S. 169.
66 Die Eiche 1914, S. 39.
67 „Die eigentlichen Gründe für eine deutsch-englische Freundschaftsarbeit liegen in dem Verhältnis der beiden Völker selbst: gerade weil wir der Meinung sind, dass sich die Kriege nicht mit einem Mal abschaffen lassen, erhebt sich für uns die Frage, wie sich angesichts der Unvermeidlichkeit von Kriegen überhaupt die einzelnen Länder mit einander einrichten sollen. Es handelt sich darum, wo Deutschland sich seine Freunde suchen soll bzw. wo es Feindschaft nicht vermeiden kann. Nun besteht wohl kein Zweifel, dass bis auf weiteres die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich keine herzlichen werden können, wie auch, dass sich einer deutsch-russischen Freundschaft vorläufig große Schwierigkeiten in den Weg stellen. Unter diesen Umständen wäre es schon aus politischen Gründen dringend er-wünscht, England nicht auf die Seite des Zweibundes zu drängen … Aber hier sprechen noch stärker die Gründe der Rasse. Die Angelsachsen sind ein deutscher Volksstamm, während Frankreich und Russland mit ihrer fast ausschließ-lich keltischen und slawischen Bevölkerung uns sicher ferner stehen. England ist das Land, das die germanische Kultur durch die ganze Welt getragen hat … Das pangermanische Empfinden im Sinne einer Kultureinheit nimmt immer mehr zu und lässt zugleich alldeutsche Übertreibungen immer mehr hinter sich. Der Fortschritt dieser germanischen Kultur-einheit aber ruht auf der deutsch-englischen Freundschaft.“ Friedrich Siegmund-Schultze, Warum wir unsere deutsch-britische Freundschaftsarbeit treiben, in: Die Eiche 1914, S. 5f.
68 Wolfgang Schweitzer, Erwägungen zur kirchlichen Friedensarbeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg, in: Ökumeni-sche Rundschau 1/1963, S. 32; vgl. auch das Urteil W. Schweitzers, die in Anm. 67 angeführten Gründe betreffend, die Siegmund-Schultze anführt, um die Beschränkung der Freundschaftsarbeit auf die deutsch-britischen Begegnungen zu begründen: „Hier rächte es sich, dass die kluge Bescheidenheit, mit der man zunächst bei den beiden ‚stammverwand-ten‘ Völkern beginnen wollte, von Anfang an mit unheimlichen romantischen Untertönen vermischt war, die mit dem Evangelium eben gar nichts, mit anderen modernen Ideologien aber leider sehr viel gemeinsam hatten.“ Ebd., S. 33.
69 Gressel, in: Siegmund-Schultze, Texte, aaO. (Anm. 11), S. 154.
70 Die Eiche 1916, S. 89f.
71 Die Eiche 1913, S. 86. Vgl. eine andere Äußerung aus demselben Jahr: „Der deutsche Name soll im Ausland einen guten Klang haben … Und wie jedem Deutschen an der Stärkung deutschen Einflusses liegen sollte, so jedem deut-schen Christen an der Aufrichtung der Gottesherrschaft. Wenn doch … unser Patriotismus sich mit der Verantwortung verbände für das Reich Christi!“ Friedrich Siegmund-Schultze, Ausländische Studenten auf deutschen Universitäten. Eine Gewissenspflicht der deutschen Christenheit. In: Die Eiche 1913, S. 219. In dem Artikel über „Die christliche Mission im Falle eines deutsch-englischen Krieges“ beschrieb Siegmund-Schultze sich als zu denen gehörend, denen „über den Gütern der Nation und der Kultur die Fragen des Gottesreiches stehen“. In: Die Eiche 1913, S. 19. Bei diesen Formulierungen ist im Hinblick auf ihre systematische Vereinbarkeit und ihre heutige Brauchbarkeit zu berücksichti-gen, worauf Christoph Demke hinweist: „Die meisten Texte, die Siegmund-Schultze hinterlassen hat, kann man als ‚Gelegenheitsschriften‘ bezeichnen … sie sind Zeugnisse von dem, was den Autor bewegte und was er bewirken woll-te.“ Demke, Siegmund-Schultze, aaO. (Anm. 14), S. 103.
72 Die Eiche 1913, S. 193ff.
73 Ebd., S. 195.
74 Vgl. auch die Äußerung Siegmund-Schultzes in dem Memorandum über die Freundschaftsarbeit der Kirchen (De-zember 1915): „Letztlich geht es den Christen um die Aufrichtung der Gottesherrschaft, um die Gemeinschaft der Hei-ligen in der ganzen Welt. So sicher wir dabei die Stufen kirchlicher Gemeinschaft und völkischer Zusammengehörigkeit nicht überspringen dürfen, so sicher kann doch unser letztes Ziel nur die Gemeinschaft der Völker und Kirchen in fried-lichem Zusammenwirken sein.“ In: Die Eiche 1919, S. 36.
75 Die Eiche 1915, S. 89f.
76 Die Eiche 1916, S. 91.
77 Ebd., S. 107. 78 Was das Handeln Siegmund-Schultzes bestimmt und vorantreibt, hat W. Grünberg, bezogen auf dessen Texte, präg-nant beschrieben: „Sie haben eine Mitte. Sie sind erwachsen aus einer glaubwürdigen, solidarischen Existenz mit den Armen, formuliert im Geiste der Bergpredigt und sind getragen von einer Vision, der Vision der einen versöhnten Menschheit, die Frieden und Gerechtigkeit weltweit praktiziert.“ Wolfgang Grünberg, Friedrich Siegmund-Schultze: Der verdrängte Pionier und eine unabgeschlossene Entdeckungsreise, in: Siegmund-Schultze, Texte, aaO. (Anm. 11), S. 20.
79 Höchst unvollständig seien wenigstens einige Arbeitsfelder genannt: Siegmund-Schultze ist aktiv im Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen und im Versöhnungsbund und dokumentiert deren Arbeit in der Eiche, nimmt als per-sönlicher Freund und Mittelsmann Nathan Söderbloms an allen wichtigen ökumenischen Konferenzen der Zwischen-kriegszeit teil, legt als Honorarprofessor für soziale Ethik erste Grundlagen für die Entwicklung des Studienfaches So-zialpädagogik, wird nach Dietrich Bonhoeffers Wende vom nationalen Kriegstheologen zum ökumenischen Friedens-theologen dessen Förderer und Mentor in der ökumenischen Bewegung, warnt früh vor dem Nationalsozialismus, plant ein internationales Hilfskomitee für die in Deutschland verfolgten Juden, wird im Juni 1933 von den Nazis wegen soge-nannter Judenhilfe in mehr als 90 Fällen zur Emigration in die Schweiz gezwungen, initiiert in der Nachkriegsbundes-republik die Arbeitsgemeinschaft deutscher Friedensverbände und wird deren Vorsitzender, gründet 1957 die Zentral-stelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen und wird deren erster Präsident. In dem letzten Abschnitt seines Lebens ordnet er in dem für ihn eingerichteten Ökumenischen Archiv in Soest die Archivalien seines Lebens, die er vor seiner Emigration in die Schweiz in Berlin noch über den schwedischen Gesandtschaftspastor Birger Forell in Sicherheit bringen konnte. Nach Demke sind diese Archivalien im Verständnis Siegmund-Schultzes „gewissermaßen die Fußspuren seiner Tätigkeit, die bewahrt werden müssen, damit wir, die Nachkommenden, die Fährte erkunden können, um darin Schritt zu fassen und in der angezeigten Richtung weiter voranzuschreiten.“ Demke, Siegmund-Schultze, aaO. (Anm. 14), S. 103.
80 „Ökumene und Friedensarbeit sind bei Siegmund-Schultze und Bonhoeffer aufs engste und fundamental miteinander verknüpft.“ Demke, Siegmund-Schultze, aaO. (Anm. 14), S. 114.
81 Gustav W. Heinemann, Präsidiale Reden, Frankfurt a.M. 1975, S. 26.
82 Vgl. Demke, Siegmund-Schultze, aaO. (Anm. 14), S. 111.
83 Heinemann, Reden, S. 32 (Kursivierungen im Original).
84 Siegmund-Schultze, Warum wir unsere deutsch-britische Freundschaftsarbeit treiben, aaO. (Anm. 67), S. 5. 85 Näheres unter www.eak-online.de.