31.03.2015

„Nein zur Gewalt im Alltag!"

Vortrag von Ullrich Hahn beim Grenztreffen der Quäker in Straßburg am 08.09.2012
Ullrich Hahn

Wenn wir das Thema unserer Tagung ernst nehmen wollen, setzt dies die Antwort
auf drei Fragen voraus:
1) Welches ist die alltägliche Gewalt?
2) Inwiefern sind wir an ihr beteiligt?
3) Wie sieht unser „Nein“ aus?

Zu 1) Welches ist die alltägliche Gewalt?

a) Direkte Gewalt

Es gibt Formen direkter Gewalt gegen Menschen, die uns alltäglich von den Medien (Zeitungen, Fernsehen) vermittelt werden, Gewalt, die ins Auge springt: Überfälle, Schlägereien, Raub, Mord und Totschlag. Die Vielzahl dieser Berichte erzeugt eine allgegenwärtige Angst vor dem Verbrechen,eine gefühlte Bedrohung, die mit der Realität unseres Alltags nur wenig zu tun hat, aber der Legitimation staatlicher Gewalt dient, der Vermehrung der Polizei und Erweiterung ihrer offenen und geheimen Befugnisse, ebenso wie der Ausweitung von privaten Sicherheitsdiensten und dem steigenden Angebot von Kursen in Selbstverteidigung.

In Wirklichkeit ist der öffentliche Umgang der Menschen untereinander zum allergrößten Teil frei von direkter Gewalt. Pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland wird ein Mensch etwa alle 130 Jahre Opfer eines gewaltsamen Überfalls. Weit umfangreicher dürfte immer noch die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder sein, die Abseits der öffentlichen Wahrnehmung geschieht und nur selten angezeigt wird.

Ebenso außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung und Kontrolle bewegen sich vielfältige Übergriffe polizeilicher Gewalt, die schon deshalb nicht so interessieren, weil sie sich zumeist gegen wirkliche oder vermeintliche Übeltäter richten, die eine entsprechende Behandlung auch „verdient“ haben. Zumeist halten wir solche Übergriffe überhaupt erst dann für möglich, wenn wir selbst einmal - etwa im Rahmen von Protestaktionen gegen staatliches Unrecht - mit direkter polizeilicher Gewalt in „Berührung“ gekommen sind. Aber auch diese verdeckten Formen illegaler Gewalt sind Ausnahme und nicht Alltag.

b) Strukturelle Gewalt

Wirklich alltäglich, aber nicht ins Auge springend, sind die Formen indirekter lautloser Gewalt in den uns umgebenden Strukturen, deren Opfer in gleicher Weise physisch und psychisch verletzt oder gar getötet werden, wie durch die Einwirkung direkter Gewalt. So werden nur wenige Flüchtlinge und Migranten durch Neo-Nazis angegriffen, verletzt oder sogar getötet, aber Hunderte gar Tausende ertrinken jährlich im Mittelmeer beim Versuch, die unsichtbaren Außengrenzen der EU zu überwinden, und eine noch größere Zahl dieser Menschen lebt ausgegrenzt unter traumatisierenden Umständen an den Rändern unserer Gesellschaft.

Gewalt geschieht im modernen Staat weniger in direkter Form sondern in unvergleichlich höherem Ausmaß durch die Mittel der Bürokratie in Ausführung von Gesetzen, Rechtsverordnungen und Verwaltungsvorschriften. Um das Verhältnis beider Formen der Gewalt zueinander zu kennzeichnen, könnte man an das Bild des Eisbergs erinnern, von dem nur die Spitze sichtbar ist, während der große und gefährlichere Teil dem Blick verborgen bleibt. Das Bild vom Eisberg könnte auch verdeutlichen, dass der sichtbare Teil der Gewalt mit dem verborgenen Teil zusammenhängt, dass sie letztlich von gleicher Qualität sind.

Ein anderes Bild für den Zusammenhang von der ins Auge springenden Gewalt einerseits und der wirklichen alltäglichen Gewalt andererseits erscheint mir noch aussagekräftiger: In der Bergpredigt sagt Jesus, „was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen? Und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“

Dieses Bild drückt für mich dreierlei aus:

  1. Im Verhältnis zum Splitter ist der Balken groß, so groß, dass er gar nicht wahrgenommen wir. Es geht darum, den Balken zunächst einmal wahrzunehmen.
  2. Der Balken steckt in meinem Auge. Die Gewalt ist nicht nur außerhalb von mir, wo ich sie leicht wahrnehme als direkte Gewalt, die ins Auge springt. Der größte Brocken hat mit mir, mit uns selber zu tun.
  3. Ziehen sollen wir, am Splitter aber auch am Balken. Es soll nichts so bleiben wie es ist.

Was ist der Balken?

Der norwegische Friedensforscher Johann Galtung hat in seinen Schriften den Gewaltbegriff erweitert und differenziert: Neben die direkte Gewalt, deren Akteur wir sehen können, stellt er die indirekte Gewalt, die keinem Akteur zugeordnet werden kann, die sogenannte „strukturelle Gewalt“. Die Berechtigung, von lebensfeindlichen Strukturen als einer Form von Gewalt zu sprechen, ist heute wohl unbestritten. So heißt es z.B. auch in einem Wort der deutschen katholischen Bischöfe aus dem Jahr 2000 mit dem Titel „gerechter Friede“: „Eine Welt, in der den meisten Menschen vorenthalten wird, was ein menschenwürdiges Leben ausmacht, ist nicht zukunftsfähig. Sie steckt auch dann voller Gewalt, wenn es keinen Krieg gibt.“

Zu 2) Wie sind wir an dieser alltäglichen strukturellen Gewalt beteiligt?

Ich will drei Bereiche nennen, für die wir in unterschiedlicher Weise Mitverantwortung tragen.

a) Umgang mit Straftätern

Aus dem Bereich der staatlichen Gewalt erinnere ich an den Umgang mit Straftätern. Mit ihnen haben wir meist weniger Mitleid als mit Flüchtlingen, da sie ihre Lage ja in der Regel selbst verschuldet haben. Auch Pazifisten, die sonst gegen verletzende und tödliche Gewalt eingestellt sind, rechtfertigen oft die strafende Gewalt des Staates als eine Art Schöpfungsordnung. Die lutherischen Kirchen halten sich noch heute an ihre älteste Bekenntnisschrift, das Augsburger Bekenntnis von 1530, gebunden, wo es in Artikel 16 sinngemäß heißt, dass die Strafe mit dem Schwert, also selbst die Todesstrafe, der christlichen Lehre entspricht.

Die hohe Wertschätzung der Strafe ist bei vielen Christen wohl auch in ihrer Vorstellung eines strafenden Gottes begründet, der letztlich nicht anders handelt als ein menschlicher Strafrichter, der seine Urteile zwar nicht im Namen Gottes aber immerhin „im Namen des Volkes“, also auch in unserem Namen ausspricht. Aber: Strafe muss nicht sein.Sie ist keine notwendige Konsequenz unrechten Tuns. Sie heilt nicht die Wunde, die zuvor geschlagen wurde, sondern schlägt eine neue Wunde. Strafe ist ein Übel. Sie gehört nicht zur Schöpfungsordnung. Beim Nachdenken über unsere Strafbedürfnisse und die staatliche Strafpraxis soll es deshalb nicht darum gehen, bessere im Sinne von humanere Strafen zu suchen, sondern etwas, das besser ist als die Strafe.

Das Mittel der Strafe zur Überwindung von Kriminalität ist dabei nicht nur ein Übel, sondern sie hält auch nicht, was man sich von ihr verspricht.

  • Strafe erschreckt zwar alle, die sie trifft, die Bestraften und deren Angehörige, aber sie schreckt nicht ab. Das belegen nicht nur alle Straftaten, die begangen wurden, obwohl die Täter zuvor von den Strafbarkeit wussten, sondern auch eine Vielzahl von kriminologischer Studien und Kriminalstatistiken. Soweit ein Täter überhaupt vorher nachdenkt, ist es die Entdeckungswahrscheinlichkeit, die abschreckend wirkt, nicht aber die Höhe der Strafe.
  • Strafen bessern auch nicht: Wenn Menschen nach einer vollzogenen Strafe nicht rückfällig werden, liegt dies oft an vielen anderen glücklichen Umständen, die dazu beitragen, die seelischen Wunden der Vergangenheit und der erlittenen Strafe zu überwinden: Dem eigenen starken Willen, familiären und anderen guten Beziehungen, einer eröffneten Lebensperspektive etc.
  • Strafen und insbesondere Gefängnisse machen unser Leben nicht sicherer. Je länger Menschen eingesperrt sind und die Demütigung der Bestrafung erfahren, desto schwieriger wird es für sie, sich draußen in Freiheit wieder zu Recht zu finden und ein Leben ohne Straftaten zu führen.

b) Verschuldung der öffentlichen Haushalte

Aus dem Bereich der wirtschaftlichen Gewalt erinnere ich an die Verschuldung der öffentlichen Haushalte, die zwischenzeitlich nicht mehr nur in Milliarden Euro ausgedrückt wird, sondern die Höhe von Billionen erreicht hat.

Verschuldung bedeutet Verarmung, sowohl der öffentlichen Einrichtungen als auch eines Großteils der Menschheit. Dabei stehen den öffentlichen und privaten Schulden 1:1 die Geldforderungen einer reichen Bevölkerungsschicht gegenüber, die durch die Verzinsung dieses Geldvermögens, ihres Kapitals, jährlich um viele Milliarden reicher werden auf Kosten derer, die diese Zinsen erarbeiten müssen.

Geld ist die Macht, andere für sich arbeiten zu lassen. Nicht das Geld arbeitet, sondern Menschen, die auf diese Weise das arbeitslose Einkommen der Kapital- besitzer und damit die Vermehrung deren Reichtums erarbeiten müssen. Die Vorstellung, dass Zinsen auf Rücklagen für die Funktion der Wirtschaft sein müssen, wird dabei von einer breiten Bevölkerungsmehrheit geteilt, auch wenn sie selbst nicht einmal Nutznießer, sondern Opfer dieses Systems sind.

Beteiligt an diesem System der Ausbeutung und Verarmung eines Großteils der Menschheit sind aber auch wir durch eigene Einkünfte aus Sparrücklagen, aus Lebensversicherungen und Pensionskassen, die das angesparte Kapital ihrer Versicherungsnehmer renditeträchtig anlegen, sowie als Nutznießer von Stiftungs- geldern,die in der Regel aus den Zinsen der gestifteten Kapitalstöcke kommen.

Zinsen gehören ebenso wenig zur Schöpfungsordnung wie die Strafe.Im Gegenteil: Während wir gewohnt sind, dass alle  Sachgüter mit der Zeit an Wert verlieren und in der Buchhaltung entsprechend „abgeschrieben“ werden, soll aus- gerechnet die Geldrücklage, das Kapital, wertbeständig bleiben und sich durch die Zinsen sogar noch vermehren. Bei Stiftungen ist diese „Unsterblichkeit“ der Kapital- stöcke in Deutschland sogar gesetzlich festgeschrieben. Die Unsterblichkeit in einer sterblichen Welt begründet die scheinbar göttliche Eigenschaft des Mammon und erklärt seine fast religiöse Verehrung und Tabuisierung.

c) Gewalt unserer Lebensverhältnisse

Die zerstörerische Gewalt unserer Lebensverhältnisse auf die Schöpfung oder Umwelt gehört schon zum Allgemeinwissen, wenngleich eine Abnahme dieser Art von Gewalt noch nicht absehbar ist.

In Bezug auf diesen Teil der strukturellen Gewalt sind wir zumeist nicht nur Nutznießer, sondern sogar Mitttäter: Durch Konsum und Anschaffung von Gebrauchsgütern, durch die Nutzung von die Umwelt verbrauchenden und beeinträchtigenden Verkehrsmitteln und Energieformen.

Beruhigend für das eigene Gewissen ist oft die Überzeugung, dass es nichts bringt, wenn wir uns ändern, solange die übrige Welt fortfährt wie bisher.

Zu 3) Wie sieht unser Nein gegenüber dieser alltäglichen Gewalt aus?

Dabei setze ich voraus, dass wir nicht nur die direkte Gewalt gegen Menschen für Unrecht halten, sondern auch die dargestellten Formen indirekter, struktureller Gewalt und uns gegenüber der letzteren nur hilfloser fühlen als gegenüber der direkten Gewalt des Krieges, der privaten und staatlichen Kriminalität.

Um die eigenen Handlungsmöglichkeiten des „Nein“ aufzuzeigen, schlage ich den bekannten Bogen der Gewaltfreiheit mit den vier Dimensionen gewaltfreien Lebens und Handelns, wie sie sehr deutlich bei Gandhi, aber auch im Leben Jesu beobachtet werden können. Ich spreche von „Dimensionen“ und nicht von „Schritten“, um das Missverständnis zu vermeiden, als wären diese verschiedenen Aspekte der Gewaltfreiheit nacheinander, Schritt für Schritt, umzusetzen. Sie gehören vielmehr von Beginn an zusammen. Es geht darum, kein Unrecht zu tun, mit dem Unrecht nicht zusammen zu arbeiten, dem Unrecht Widerstand entgegen zu setzen und Formen gerechten Lebens zu entwickeln. Dabei geht es nicht um Perfektion, aber wo wir uns um eine dieser Dimensionen nicht bemühen, hat uns die Gewalt gleich wieder eingeholt.

a) Nicht Unrecht tun.

Gerechtes Leben und Handeln setzt unausgesprochen Wertmaßstäbe voraus, wie sie für mich sehr eindrücklich Albert Schweitzer formuliert hat in seiner Erkenntnis, „ich bin Leben inmitten vom Leben, das auch Leben will“. Daraus folgert er, dass wir Leben nicht töten sollen, nicht verletzen, nicht an der Entfaltung hindern. Für unser Thema der alltäglichen Gewalt gehört sicher auch dazu, Menschen nicht auszugrenzen, weder als Flüchtlinge in der Gesellschaft noch als unbeliebte Kollegen/ innen am Arbeitsplatz (Mobbing) noch durch Liebensentzug zu bestrafen (in der Kindererziehung). Sie heilt nicht die Wunde, die zuvor geschlagen wurde, sondern schlägt eine neue Wunde. Strafe ist ein Übel. Sie gehört nicht zur Schöpfungsordnung. Beim Nachdenken über unsere Strafbedürfnisse und die staatliche Strafpraxis soll es deshalb nicht darum gehen, bessere im Sinne von humanere Strafen zu suchen, sondern etwas, das besser ist als die Strafe.

Insoweit scheint uns diese erste Dimension, selbst nicht Unrecht zu tun, ganz selbstverständlich. Die Selbstverständlichkeit hat aber schon ihre Grenze, wenn wir noch hinzufügen, dass es auch nicht erlaubt ist, schlechte Mittel zu einem guten Zweck einzusetzen und deshalb z.B. den Kriegsdienst auch dann verweigern, wenn es um die Verteidigung des Vaterlandes oder gar um „humanitäre Einsätze“ geht.

b) Die Nichtzusammenarbeit mit dem Unrecht.

Die Dimension der Nichtzusammenarbeit ist wirksam sowohl gegenüber staatlicher als auch wirtschaftlicher struktureller Gewalt. Sie kann etwa darin bestehen, auf Zinsen zu verzichten, keine Waren zu kaufen, deren Herstellungsbedingungen ungerecht sind oder die bei der Herstellung oder Entsorgung übermäßig die Umwelt belasten. Bezüglich staatlicher struktureller Gewalt geht es vor allem darum, das Unrecht nicht zu legitimieren.

Eine solche Legitimation geschieht etwa durch Rituale der Ergebenheit und Zustimmung wie etwa bei der Entgegennahme staatlicher Ehrungen, der Teilnahme an Wahlen oder durch den Treueid, der sich wie eine Barriere zwischen das eigene Gewissen, d.h. die eigene Erkenntnis von Recht und Unrecht, und das mir vom Staat abverlangte Tun schiebt.

Legitimation geschieht aber auch alltäglich durch einen Gebrauch der Sprache, die eine klare Ablehnung des Unrechts verwässert durch relativierende Adjektive, Bedingungs- oder Relativsätze, wie z.B.

  • „Der NATO-Einsatz in Libyen hat auch unschuldige Menschen getroffen“,
  • „wir müssen uns weigern, auf Menschen zu schießen, die auch unsere Freunde sein können“,
  • „der Einsatz von Gewalt ist Unrecht, solange noch Verhandlungen möglich sind oder kein UN-Mandat erteilt ist“,
  • „vorrangig sollten zivile Mitteln zur Konfliktlösung eingesetzt werden“.

c) Widerstand gegen das Unrecht.

Beim Widerstand geht es dann schließlich doch darum, auch etwas zu tun, wobei der Widerstand meist nur eine Dienstfunktion für die vorrangige Nichtzusammenarbeit besitzt.

Widerstand beginnt mit dem Widerspruch. Es geht darum, unbequeme Wahrheiten zu sagen. Im besten Fall wirkt die so  ausgesprochene Wahrheit schon aus sich heraus befreiend, wie es Christian Andersen im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern
beschrieben hat. Aus dem Widerspruch ergibt sich der Dialog mit dem Gegner.

Nur dort, wo dieser Dialog nicht geführt werden kann, hat in der Regel die gewaltfreie Aktion ihren Platz, um so auf das Unrecht aufmerksam zu machen, dass es nicht mehr übersehen werden kann mit dem Ziel, andere zur Nichtzusammenarbeit mit diesem Unrecht zu motivieren und/ oder den Dialog hierüber zu eröffnen.

Die gewaltfreie Aktion wird in der Regel nicht aus sich heraus das Unrecht beseitigen können. Auch der Widerstand gegen die Castortransporte in Deutschland kann nach meinem Verständnis nur das Ziel haben, der herrschenden Energiepolitik die Legitimation
zu entziehen und auf die ungelösten Probleme der Atomwirtschaft hinzuweisen.

d) Formen gerechten Lebens entwickeln.

In dieser Dimension gewaltfreien Lebens und Handelns geht es um das rechte Tun, zum einen als Kehrseite dessen was ich nicht tun soll, d.h. wieder im Sinne von Albert Schweitzer: Das Leben fördern, Leben zur vollen Entfaltung bringen. Dazu gehören gegenseitige Hilfe, Gastfreundschaft usw.

Zum anderen geht das rechte Tun über das individualethische Verhalten hinaus. Es geht um die Bildung von Gemeinschaften, die innerhalb der alten Gesellschaft neue Verhaltensformen praktizieren. Dazu gehören neue Beziehungen zwischen Konsumenten
und Produzenten, die u.a. auch den gerechten Preis für die Produkte und Arbeitsleistungen begründen. Es geht um die Einführung von Nutzungsrechten an Stelle von Eigentumsrechten, insbesondere an Grund und Boden; es geht um die gerechte Art und Weise von Geldanlagen.

Nur die Gemeinschaft vermittelt mir letztlich auch die Lebensfreude, welche deutlich macht, dass alles zuvor Gesagte keinen gesetzlichen Moralismus zum Ausdruck bringt, sondern auf eine lebensbejahende „Kultur der Gewaltfreiheit“ hindeutet. Nur
damit überwinde ich auch gleichzeitig den Neid auf das gute Leben derer, die ohne Skrupel reich sind.

Zum Schluss die Frage nach dem Erfolg: Was bringt das alles?

Die Aufforderung zum „Nein“ zur Gewalt im Alltag verspricht keine schnellen Ergebnisse. Es geht schlicht um die Frage, auf welcher Seite wir stehen wollen,

  • ob wir Partei ergreifen für die Opfer struktureller Gewalt oder für die verantwortlichen Täter,
  • ob wir Partei ergreifen für das Recht oder für das Unrecht,
  • ob wir auf der Seite der Unbewaffneten stehen oder bei den Bewaffneten,
  • ob wir bei denen sind, die draußen stehen oder bei denen, die drinnen die Tür zumachen

Mit dieser Parteinahme geht es auch darum, der vorhandenen strukturellen Gewalt das Ziel einer gerechten Gesellschaft gegenüber zu stellen, ein Ziel, das wir immer schon ein Stück weit verwirklichen, in dem wir uns auf den Weg machen.