02.04.2015

Konfliktforscher Zick: Friedensbewegung hat an Attraktivität verloren

Ein Grund hierfür sei der Zurückgang eines Gefühls der Bedrohung

Bielefeld (epd). Traditionelle Friedensaktionen wie die Ostermärsche haben nach Einschätzung von Konfliktforscher Andreas Zick ihre Attraktivität verloren. In der Mehrheit der Bevölkerung herrsche inzwischen die Auffassung, dass militärische Sicherheit und Kontrolle Friedenspolitik sei, sagte der Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld dem Evangelischen Pressedienst (epd). "In einer immer stärker nach ökonomischen Kriterien orientierten Gesellschaft, die auf Durchsetzung individueller Interessen drängt, wird Frieden heute weniger als kollektives Problem erachtet", sagte der Konfliktforscher.

Rückgang des Bedrohungsgefühls

Auch eine geringer empfundene eigene Bedrohung führt nach Einschätzung des Forschers zu einem Nachlassen des Interesses. Frieden erscheine vielen als kontrollierbar, erläuterte Zick. Frieden sei den Bürgern immer dann wichtig, wenn sie sich bedroht fühlten. "Offensichtlich fühlen sie weniger Bedrohung, als man vermuten könnte", sagte der Konfliktforscher. Zudem habe eine Allensbach-Studie aus dem Jahr 2014 gezeigt, dass viele Bürger Europa als Friedensgaranten betrachten. Zugleich würden sie wirtschaftliche Fragen für wichtiger halten.

Identitätsverlust

Die Friedensbewegung bietet nach Einschätzung des Wissenschaftlers für unterschiedlichen Gruppen keine gemeinsame Identität mehr. Ein Grund dafür sei, dass in der Vergangenheit immer wieder einzelne Gruppen und Vertreter versucht hätten, die Meinungsführerschaft zu bekommen. "Dabei haben sie übersehen, dass ihre teilweise radikalen Thesen für weite Teile der Mitte der Bevölkerung, die sich um Krieg und Frieden sorgen, nicht attraktiv sind."

Zivilgesellschaftliches Engagement findet laut Zick heute zunehmend auf anderen Feldern statt: "Viele Menschen suchen neue Wege." Viele Bürger bewerteten ihr Engagement für Flüchtlinge und Asylbewerber als zivilgesellschaftliche Friedensarbeit. "Das ist ja sogar richtig, weil die Wahrnehmung des innergesellschaftlichen Friedens mit dem des globalen Friedens einhergeht", sagte Zick. Eine immer mehr fragmentierte Gesellschaft führe dazu, dass sich die Bürger eher auf lokaler Ebene engagierten. Um dieses Engagement zu stärken, muss nach Auffassung des Wissenschaftlers bereits in Schule und in Universitäten zivilgesellschaftliche Bildung vermittelt werden. 

Holger Spierig