24.04.2015

Auf Spurensuche an der Elbe

Sohn von Joseph Polowsky zu Besuch in Torgau
Denkmal des Zusammenschlusses der Alliierten Truppen bei Torgau

AlterVista (Wikicommons)

Denkmal des Zusammenschlusses der Alliierten Truppen bei Torgau

Torgau (epd). Der Blick über die Elbe ist Joseph Wolff noch fremd, auch wenn den Amerikaner viel mit dem Fluss verbindet. Zur Feier des "Elbe Day" an diesem Samstag ist der 34-Jährige extra aus Chicago ins sächsische Torgau gereist - dorthin, wo sich vor genau 70 Jahren amerikanische und sowjetische Truppen auf der zerstörten Elbbrücke die Hände reichten. Wolffs Vater, der US-Soldat und spätere Friedensaktivist Joseph Polowsky war einer von jenen, die im April 1945 mit dabei waren, als das Ende des Dritten Reiches greifbar wurde. Wolff recherchiert in Torgau für einen Film - und besucht zum ersten Mal das Grab seines Vaters.

Die Familiengeschichte

Wolff ist der jüngste Sohn Polowskys. Erst 20 Monate war er alt, als sein Vater 1983 an einem Krebsleiden starb. Als Jugendlicher sah er erstmals die vielen Zeitungsartikel, die über seinen Vater berichteten. Auch über dessen Beerdigung in Torgau, die sich Polowsky so sehr gewünscht hatte. Der DDR-Staatschef Erich Honecker persönlich hatte damals die Erlaubnis dazu erteilt, rund 10.000 US-Dollar kostete die Überführung des Leichnams.

Aber warum wollte Polowsky unbedingt in Torgau beerdigt werden? "Er opferte seinen Körper als Zeichen des Friedens", meint Wolff. Polowsky selbst schrieb noch kurz vor seinem Tod, im Oktober 1983, seine Beerdigung in Torgau solle die wenigen noch verbliebenen Bande zwischen den USA und der Sowjetunion symbolisieren.

Im April 1945 war der damals 28 Jahre alte Polowsky Teil einer Patrouille unter der Leitung von Albert L. Kotzbue, die die Frontlinie erkunden sollte. Polowsky sprach ein bisschen Deutsch und diente somit als Dolmetscher. Er gehörte zu jener Gruppe, die die sowjetischen Truppen am 25. April 1945 an der Elbe bei Strehla, rund 30 Kilometer von Torgau entfernt, trafen. Dort hatte kurz zuvor ein Gefecht und die Sprengung einer weiteren Brücke stattgefunden. Die Soldaten sahen zahlreiche Leichen von deutschen Zivilisten, darunter nach Schilderung von Wolff auch ein junges Mädchen, das noch seine Puppe im Arm hielt.

Kampf für den Frieden als Lebensmission

Das habe seinen Vater "tief betroffen", erzählt der Amerikaner. Fortan habe er den Kampf für den
Frieden als seine Lebensmission gesehen. Polowsky versuchte, den 25. April bei den Vereinten Nationen als "Weltfriedenstag" anerkennen zu lassen. Und aus einem informellen Versprechen der Soldaten an der Elbe, angesichts des Grauens nie wieder Krieg zu führen, formulierte er später einen Schwur für sich und Gleichgesinnte in Ost und West.

Polowsky hielt gute Kontakte in die Sowjetunion und sogar zum Kreml, berichtet sein Sohn. Skeptisch sei dies in den Vereinigten Staaten beobachtet worden, auch vom Geheimdienst. Das Gerücht ging herum, Polowsky sei ein Kommunist. Dabei sei er immer ein Patriot gewesen, betont Wolff. Sein Einsatz für den Frieden habe auch sicherstellen sollen, dass amerikanische Soldaten nie wieder in den Krieg ziehen müssten.

Ein Spielfilm über die Elbe-Begegnung

Wolff will das Erbe seines Vaters hochhalten und einen Spielfilm über die Elbe-Begegnung und die Jahre danach realisieren. Sein Freund, der ehemalige Journalist Michael Saelens, soll dafür zunächst ein Buch schreiben, darauf aufbauend will Wolff dann ein Drehbuch verfassen. Es gibt bereits eine viel beachtete Dokumentation über seinen Vater; "Joe Polowsky - ein amerikanischer Träumer" heißt das 1986 veröffentlichte und preisgekrönte Werk von Wolfgang Pfeiffer. Wolff schätzt die Dokumentation sehr, doch ein Spielfilm könne noch ganz andere Facetten hervorbringen, meint er. Ganze Szenen hat er schon im Kopf.

Der Einsatz seines Vaters für den Frieden werde heute vor allem in den USA viel zu wenig gewürdigt, meint Wolff. In seiner Heimatstadt Chicago gebe es nicht einmal eine Straße, die Polowsky gewidmet ist. Dabei sei das Erbe des ehemaligen Soldaten groß: "Wir leben doch auch heute noch im Schatten des Zweiten Weltkrieges", sagt Wolff. Einen weiteren solchen Krieg habe Polowsky unbedingt verhindern wollen. Nie wieder sollte jemand in einem Feld voller Leichen stehen müssen.

Luise Poschmann