Predigt zum Volkstrauertag

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr: Predigt in Zornheim (bei Mainz), am 17.11.2013 über Jeremia 8, 4 -7
Horst Scheffler

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

„Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde?"

„Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irre geht, der nicht gern wieder zurechtkäme?" Lebenspraktische Fragen stellte der Prophet Jeremia in Israel vor zweieinhalbtausend Jahren in politisch und wirtschaftlich prekärer Zeit. Eigentlich ist die angefragte Lebenshaltung eindeutig zu bejahen. Wer fällt, will wieder aufstehen. Wer irre geht, will wieder zurechtkommen.

Doch hier ist zu bedenken: Nicht jeder, der fällt, kann wieder aufstehen. Dieses Bedenken führt zum Gedenken, gerade heute am Volkstrauertag, zum Gedenken an die Millionen Toten der Kriege, an die gefallenen Soldaten, an zivilen Kriegstoten und an die im Holocaust ermordeten Menschen.

Und hier ist weiter zu denken: Das Gedenken an die Kriegstoten erinnert nicht nur an die Gefallenen, Getöteten und Ermordeten vergangener Kriege. Das Gedenken gilt den Kriegstoten heute, den 54 in Afghanistan gefallenen deutschen Soldaten, den gefallenen Soldaten der Bündnisarmeen und den ungezählten tausenden afghanischen und weiteren Kriegstoten weltweit.

Der Volkstrauertag wird nicht mehr als Heldengedenktag gefeiert. Zu feiern gibt es an diesem Tag ohnehin nichts. Statt Heldenfeier Totengedenken! Und Nachdenken darüber, weshalb und wo man vom rechten Weg abgewichen und irre gegangen ist.

„Wo ist jemand, wenn er irre geht, der nicht gern wieder zurechtkäme?"

Jeremia klagte, dass Israel am Irrweg festhielt, dass es nicht umkehren wollte. Er sehe und höre niemanden, der die Wahrheit redete; er sehe und höre, niemanden, dem seine Bosheit leid wäre und der erkenne und riefe: Was habe ich doch getan! Stattdessen liefen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in die Schlacht dahinstürmt.

Im alten Israel nutzen die Menschen im Alltagsleben den Esel. Das Pferd war kein Tier für das tägliche Leben. Das Pferd war das Kampfmittel für die Schlacht, das Symbol für den Krieg. Der Hengst, der in die Schlacht stürmt, steht für Kraft und Gewalt der militärischen Macht. Er trägt aber auch Scheuklappen und hat nur eine eingeschränkte Sicht. Der Hengst ist ein Zeichen für den Irrweg des Krieges.

Der Irrweg des Krieges

„Wo ist jemand, wenn er irre geht, der nicht gern wieder zurechtkäme?" Nach zwei Weltkriegen erkannten die Menschen, dass der Krieg kein taugliches Mittel mehr sein kann zur Gestaltung von Politik. In der Präambel der UN-Charta erklärten sie den Krieg zur Geißel der Menschheit, die es zu überwinden gilt. Die UN-Charta verbietet grundsätzlich den Krieg. Die Kirchen bezeugten in ökumenischer Einsicht, Krieg solle nach Gottes willen nicht sein. Ihre traditionelle Lehre vom gerechten Krieg gelte nicht mehr. In der im Nachkriegsdeutschland aufgerüsteten Bundeswehr galt als Leitsatz, man solle kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen. Der erste Zweck des Militärs war die Kriegsverhinderung, nicht die Kriegsführung.

In die Irre geht, wer heute den Krieg wieder als nützlich für die Menschheit preist. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts erfolgte eine denkerische Renaissance des Krieges. Bücher wurden verlegt, deren Autoren den Krieg wieder positiv bewerteten: Krieg als Lehrmeister (Karl Otto Hondrich 1992), Krieg als Kultur (John Keegan 1995), Krieg als Leben, Leidenschaft und Sport (Martin van Creveld 1998), Krieg als Lebensform und Erwerbstätigkeit (Herfried Münkler 2002). Im Jahr 2011 veröffentlichte Bernd Ulrich, der stellvertretende Chefredakteur des Politikressorts der ZEIT, eine Streitschrift mit dem Titel „Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss" (Rowohlt).

Wie die öffentlichkeit in diese Gedankenrenaissance Schritt für Schritt an den Krieg als einen politischen Kasus herangeführt wurde, musste die Transformation der Bundeswehr „Scheibchen für Scheibchen", so ein Generalinspekteur, von der Armee der Abschreckung über die Armee der Einheit in die Armee des Einsatzes umgesetzt werden. Die Soldaten sollen jetzt kämpfen können, um kämpfen zu wollen.

Als Deutschland am 6. Oktober 2013 in Kundus die Verantwortung für das zehn Jahre genutzte Feldlager den afghanischen Sicherheitskräften übergab, erklärte Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Kundus sei der Ort, „an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste zu kämpfen." Das sei eine Zäsur gewesen - „nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft. Kundus werde für immer Teil unseres gemeinsamen Gedächtnisses bleiben." Offensichtlich sieht die Politik sich jetzt am Ziel, Krieg wieder als einen normalen Kasus des politischen Verkehrs zu akzeptieren.

Der Irrweg der Rüstung

Dem Irrweg des Krieges entspricht der Irrweg der Rüstung, der Rüstungsproduktion und der Rüstungsexporte. Gegen den weltweiten Handel mit Kriegswaffen und Rüstungsgütern protestiert seit drei Jahren die auch von kirchlichen Friedensgruppen verantwortete Kampagne Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel. In ihren Aktionen gibt sie den Tätern ein Gesicht und den Opfern eine Stimme. Viele Menschen wurden dafür sensibilisiert, dass Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur auf der Welt den Tod ausliefert. Auch heute gilt, was Paul Celan einst in dem Gedicht „Todesfuge" aussprach: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland."

Die Aktionen, Proteste und Forderungen der Aktion Aufschrei-Stoppt den Waffenhandel werden von der Politik wahrgenommen. Die Waffenexporte sind ein wichtiges Thema in den Koalitionsverhandlungen zur neuen Bundesregierung. Die Kampagne wird und muss weitergehen, damit die Entscheidungen transparent und die Exporte reduziert werden. Das Ziel muss sein, letztlich auf Rüstungsproduktion und auf Rüstungsexporte zu verzichten. Gut ist, dass die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) jetzt in einem Beschluss die zivilgesellschaftliche Forderung nach einer restriktiven Rüstungsexportpolitik ausdrücklich unterstützt. (Beschluss vom 13.11.2013)

„Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen."

Storch, Turteltaube, Kranich und Schwalbe repräsentieren für Jeremia die Symbole des Friedens und der Gerechtigkeit. Im Gegensatz zu dem in die Schlacht stürmenden Hengst kennen die Zugvögel die Ordnungen und Rhythmen der Zeitabläufe, die für den Propheten von Gott geschaffen sind. Der Mensch dagegen, klagt Jeremia, wolle von Gottes Ordnung und Recht nichts wissen.

Gottes Rechtsordnung kennt keine Kriege. Gewiss, Gott war einst ein kriegerischer Gott. Doch Gott hat gelernt. Gott hat den Frieden gelernt. Sehr trefflich hat diesen Lernprozess Gottes der Potsdamer Rabbiner Walter Homolka in seiner Studie über die Friedensvorstellung in der hebräischen Bibel sowie in Mischna, Talmud und Midrasch beschrieben. Das Ergebnis der Studie lautet: „Die Vorstellung von Gott als Friedensbringer hat also die des Kriegsgottes endgültig verdrängt" (Walter Homolka /Albert H. Friedländer: Von der Sintflut ins Paradies. Der Friede als Schlüsselbegriff jüdischer Theologie, Darmstadt 1993, S.43).

Friedenstheologie, Friedensethik und Friedenspädagogik

Für eine heute dringlich notwendige Friedenstheologie setzt Gott die Maßstäbe. Wie Gott lernfähig ist und gelernt hat, ist auch der Mensch zum Lernen fähig. Wie Gott den Frieden gelernt hat, kann auch der Mensch den Frieden lernen. Deshalb ist die Behauptung falsch, Kriege habe es immer gegeben und werde es deshalb auch weiterhin geben.

Angeblich schildert diese kleine Geschichte die Mentalität der Menschen: Kinder spielen auf dem Schulhof. Sie spielen Krieg. Die Lehrerin ermahnt sie, statt Krieg doch einmal Frieden zu spielen. Sie fragen, Frieden spielen, wie macht man das?

Gut erzählt, aber doch falsch! Tatsächlich wissen die Menschen, wie der Friede gespielt wird, nämlich indem die Gebote Gottes und der Menschen Rechte beachtet und befolgt werden.

Erinnert sei an das Projekt Weltethos des Theologen Hans Küng. Er formulierte ein allen  Religionen gemeinsames friedensethisches Potential, nämlich

- das Gebot, Leben zu erhalten, also nicht zu töten und zu morden;
- das Gebot, Eigentum zu achten und solidarisch zu teilen, also nicht zu stehlen;
- das Gebot zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit, also nicht zu lügen;
- das Gebot der Achtung der Würde des anderen Menschen, also ihn nicht zu missbrauchen.

Das Friedenspotential der Religionen ist wirklich riesig. Die Menschen sollten es nutzen.

Friedenspädagogisch ist zu lernen, wie Konflikte zivil und gewaltfrei bearbeitet werden können. Viele Menschen meinen, zivile und gewaltfreie Konfliktbearbeitung wie Prävention, Mediation und Streitschlichtung gelinge nur in privaten und persönlichen Krisen, nicht jedoch in politischen und gesellschaftlichen Konflikten. Dabei sind die Programme und Modelle ziviler und gewaltfreier Konfliktbearbeitung entwickelt, erprobt und auch schon erfolgreich eingesetzt.

Markus Weingardt, ehemaliger Wissenschaftler an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg, hat in seinem Buch Religion-Macht-Frieden. „Das Friedenspotential von Religionen in politischen Gewaltkonflikten" (Stuttgart 2007) an vierzig Fällen beschrieben, wie zivile und gewaltfreie Konfliktbearbeitung erfolgreich gelungen ist. Die Länderliste der Fallstudien reicht von Argentinien und Chile über Kambodscha und Mosambik und den Philippinen bis Uganda und Zimbabwe. Mindestens vierzig Mal gelang es, drohende und eskalierende Konflikte zu schlichten, bevor sie gewaltsam und kriegerisch entarteten.

Das Konzept der zivilen und gewaltfreien Konfliktbearbeitung ist die praktische und politische Handlungskonsequenz einer Ethik des gerechten Friedens. Einen friedenspädagogischen Lernort hierfür bietet das vom Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit in Nürnberg und vom Friedenskreis Halle entwickelte Planspiel Civil Powker, ein Planspiel zum zivilen und gewaltfreien Einsatz in internationalen Konflikten.

Der alten römischen Maxime Si vis pacem para bellum („Wenn du den Frieden willst,  bereite den Krieg vor.") muss wirklich nicht mehr gefolgt werden. Heute gilt: Si vis pacem para pacem. („Wenn du den Frieden willst, bereite den Frieden vor.")

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.