07.04.2011

„Die große Befreiung“

Dietrich Bonhoeffers Wende vom nationalen Kriegstheologen zum ökumenischen Friedenstheologen während seines 1. Amerikaaufenthaltes 1930/1931 - Vortrag in Bielefeld am 7. April 2011
Johannes Weissinger

„Das Beste am Judentum sind weit mehr noch als die Lehren die lebendigen Menschen“, schreibt Leo Baeck 1922 in seinem Buch „Das Wesen des Judentums“. Das gilt auch für das Christentum, und zu den Besten des 20. Jahrhunderts gehört sicher auch Dietrich Bonhoeffer, bei dem der Zusammenhang von Biographie und Theologie so eng ist, dass seine Lehre darzustellen heißt von seinem Leben zu erzählen und umgekehrt.

Die Feststellung dieses Zusammenhangs ist nicht erst das Ergebnis tiefschürfender Analysen, sondern wird von Bonhoeffer selbst formuliert, z. B. in dem Brief aus der Haft an seinen Freund Eberhard Bethge vom 21. Juli 1944, am Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler: „Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt... Ich bin dankbar, dass ich das habe erkennen dürfen, und ich weiß, dass ich es nur auf dem Wege habe erkennen können, den ich nun einmal gegangen bin.“ Und nicht nur auf sich bezogen, sondern allgemein schrieb er in dem Buch „Nachfolge“: „Eine Erkenntnis kann nicht getrennt werden von der Situation, in der sie gewonnen ist.“

Die Stationen des Lebensweges Bonhoeffers hat sein Freund, Briefpartner, Herausgeber und Biograph Eberhard Bethge klassisch mit den Begriffen „Theologe – Christ – Zeitgenosse“ bezeichnet.

Bethge konnte auch so formulieren: „Der Bonhoeffer der zwanziger Jahre hat den Theologen gesagt: Euer Thema ist die Kirche. Der Bonhoeffer der dreißiger Jahre hat der Kirche gesagt: Dein Thema ist die Welt. Und der Bonhoeffer der vierziger Jahre hat der Welt gesagt: Dein Thema, die Verlassenheit, ist Gottes Thema selbst.“

Die Wende Bonhoeffers vom nationalen Kriegstheologen zum ökumenischen Friedenstheologen während seines ersten Amerikaaufenthaltes 1930/31, von der ich sprechen will, fällt zusammen mit dem Übergang vom Theologen zum Christen, freilich mit einem Unterschied, auf den ich im Folgenden eingehen werde. Doch zunächst: Darf man Bonhoeffer überhaupt so bezeichnen: nationaler Kriegstheologe?

I. Bonhoeffer als nationaler Kriegstheologe

Was ist das anderes als nationale Kriegstheologie, wenn er in seinem Vortrag „Grundfragen einer christlichen Ethik“, den er im Februar 1929 kurz vor seiner Rückkehr aus dem Vikariat in Barcelona gehalten hat, zum Thema Krieg ausführt:

„Es fragt sich, ob der Krieg christlich-ethisch zu rechtfertigen ist auch dort, wo man selbst ihn anfängt... Jedes Volk hat einen Ruf Gottes in sich, Geschichte zu gestalten, ins Leben der Völker ringend mit einzutreten... Gott ruft das Volk zur Mannhaftigkeit, zum Kampf und Sieg, denn Gott schafft die Jugend bei Mensch und Volk und liebt die Jugend, denn Gott selbst ist ewig jung und stark und sieghaft... Sollte nun ein Volk, das so den Ruf Gottes an seinem eigenen Leben, an seiner Jugend und seiner Stärke erfährt, .. nicht diesem Ruf folgen dürfen, auch wenn es über das Leben anderer Völker hinweggeht? Gott ist der Herr der Geschichte; und beugt sich ein Volk diesem heiligen Willen, der die Geschichte lenkt, in Demut, dann kann es mit Gott in seiner Jugend und Stärke das Schwache und Mutlose überwinden; dann wird Gott mit ihm sein.“ Und schon vorher hat er in seiner Doktorarbeit 1927 geschrieben: „Es gibt einen Willen Gottes mit dem Volk genau so wie mit dem Einzelnen. Wo ein Volk im Gewissen sich unter Gottes Willen beugend in den Krieg zieht, um seine Geschichte, seine Sendung in der Welt zu erfüllen, - sich dabei in die Zweideutigkeit menschlich-sündhaften Tuns ganz hineinbegebend – da weiß es sich von Gott aufgerufen, da soll Geschichte werden, da ist Krieg nicht mehr Mord.“

Wie kommt Bonhoeffer dazu, so zu reden? Bethge bemerkt dazu: „Hier spricht Bonhoeffer noch nicht seine eigene Sprache.“ Hier ist nichts von der der sonst auffallenden Eigenständigkeit des existentiellen Fragens Bonhoeffers und seiner theologischen Antwortversuche. Was er hier sagt, ist Ausdruck des Zeitgeistes, und ich füge hinzu: beeinflusst von seinem Doktorvater Reinhold Seeberg. Freilich ist auch das auffällig und der Beachtung wert. Stammt Bonhoeffer doch aus einer Familie, in der drei Generationen zurück Vorfahren sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits wegen demokratischer Bestrebungen 1824/25 in Festungshaft saßen, der Großvater mütterlicherseits 1889 Hofprediger des deutschen Kaisers wird, aber schon zweieinhalb Jahre später um seine Entlassung bittet, weil er es nicht hinnehmen will, dass sich der Kaiser Wilhelm II. auf die Kirchenkanzel drängt um zu predigen, und dass dieser das Arbeiterproletariat als „Kanaille“ bezeichnet. Dieser Familie dankt Bonhoeffer „eine Sicherheit des Urteils und des Auftretens, wie sie nicht in einer Generation erworben werden kann“ – so noch einmal Bethge. Und Bonhoeffer ist es, der den alten Siegelring der Familie trägt. In dieser Familie ist humanistische Gelehrsamkeit, modernes naturwissenschaftliches Wissen, Liberalität und Toleranz zuhause.

Dass die wehrfähigen Söhne sich im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwillige melden, die Söhne, auch Dietrich, Mitglieder einer studentischen Burschenschaft werden, Dietrich sich im November 1923 als Soldat ausbilden lässt, wird nicht als Widerspruch gesehen. Im seinem letzten Schuljahr 1923 schreibt Bonhoeffer in einem Schulaufsatz von den Worten des Horaz „dulce et decorum est pro patria mori“, dass sie „ewig bleiben werden“, wie er auch ein Jahr zuvor, 1922, seiner Zwillingsschwester Sabine über die Enthüllung eines Gefallenendenkmals in Spandau berichtet, dass das Denkmal sehr schön sei, freilich mit dem Zusatz: die gehaltenen Reden allerdings weniger.

Bonhoeffer wächst in Berlin-Grunewald in einem Akademikerviertel auf. Die Kontakte der dort lebenden Familien sind eng, vier Geschwister werden Kinder aus den Nachbarsfamilien von Dohnanyi, Schleicher, Delbrück und Leibholz heiraten.

Als 17jähriger macht Dietrich Abitur, beginnt danach mit dem Theologiestudium – eine Entscheidung, die nach Dietrichs eigenen Angaben seit seinem 13. Lebensjahr feststand und nur einmal durch die Option, Musik zu studieren, in Frage gestellt wurde. Er studiert zunächst 2 Semester in Tübingen, dann ab 1924 in Berlin. Dort meldet er sich 1925 als Doktorand bei Reinhold Seeberg – überraschend, denn dieser hatte ihm für eine Seminararbeit die schlechteste Note seiner ganzen Studienzeit gegeben. Wichtiger noch: Die Professoren Adolf von Harnack und Karl Holl hatten ihm mehr bedeutet. Aber Bonhoeffer will seine Doktorarbeit im Fach Systematische Theologie schrieben, und dieses Fach vertritt nun einmal Reinhold Seeberg. Die Frage nach der Kirche, nach einer lebendigen, glaubwürdigen Kirche, die Frage, was macht die Kirche zur Kirche, ist früh Bonhoeffers Frage und bleibt sein Lebensthema. Und dieses Thema der religiösen Gemeinschaft will Bonhoeffer systematisch bearbeiten.

Dass Reinhold Seeberg im Ersten Weltkrieg als der exponierte „Theologe des deutschen Imperialismus“ (G. Brakelmann) aufgetreten war, hält Bonhoeffer offensichtlich nicht ab. Das oben genannte Zitat aus seiner Bonhoeffers Doktorarbeit klingt wie von Seeberg übernommen. Stünde es nicht da, würde der Arbeit Bonhoeffers nichts fehlen, wie auch dem Gemeindevortrag in Barcelona ohne die zitierten Sätze nichts fehlen würde, er ist ohnehin bemerkenswert lang. Das ist der Unterschied, den ich eingangs ansprach. „Theologe, Christ, Zeitgenosse“ ist Bonhoeffer jeweils mit ganzem Herzen. Über die erste Station kann Bonhoeffers Biographin Renate Wind geradezu anmerken: Dietrichs Studentenleben besteht fast ausschließlich aus dem Theologiestudium. Die Frage des Krieges steht dabei ganz am Rand. Ihr hat Bonhoeffer zu diesem Zeitpunkt nicht nachgedacht. Diese Feststellung soll Bonhoeffer nicht entschuldigen, im Gegenteil, sie soll uns selbst warnen. Denn: „Gedankenlosigkeit tötet – andere.“ – so ein Aphorismus von Lec.

Nach dem Historiker Wolfram Wette stellt der preußisch-deutsche Militarismus einen wichtigen Kontinuitätsfaktor vom deutschen Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus dar, dessen Wichtigkeit von den Historikern meist unterschätzt wird – wie auch m.E. der Militarismus in der Beschreibung des heutigen Rechtsextremismus unterschätzt wird.

Werfen wir also, bevor wir zur Wende Bonhoeffers kommen, noch einen Blick auf Bonhoeffers Doktorvater Reinhold Seeberg. Nach Seeberg ist der Krieg „das große Examen der Weltgeschichte. Die einen rücken herauf, die anderen kommen herunter. Und dieses Examen ist gerecht.“ Krieg ist gleichsam ein anderes Wort für Gott, wenn es vom Krieg heißt, er sei der „große Richter der Völker, der ihre Kräfte prüft und nach dem Maß dieser Kräfte ihre geschichtliche Geltung mindert oder mehrt und sie dadurch in neue Verhältnisse zueinander rückt“. Nach Brakelmann hat Seeberg „in eiserner Konsequenz seines Denkens, wie es uns im Weltkrieg entgegengetreten ist, mitgeholfen, dass es zum ideologisch-politischen Sieg des Nationalsozialismus in den zwanziger und dreißiger Jahren gekommen ist“.

Gegen die Friedensresolution des Reichstags vom 19. Juli 1917 protestieren ca. 1100 Professoren, darunter 61 Theologen, die Hälfte der damaligen Fakultätsmitglieder. Die Eingabe trägt, obwohl nicht von ihm verfasst, als „Seeberg-Denkschrift“ seinen Namen. Noch am 4. August 1918 kann Seeberg folgende Sätze schreiben: „Trotz allem glaubt unser Volk auch heute noch an den Sieg...halten wir fest an dem Glauben an den Gott, der der Herr der Weltgeschichte ist und dessen heilige Kraft alle Geschicke der Menschen regiert und zu einem guten Ende führt... Keine Kraft der Weltgeschichte ist so gewaltig wie dieser Glaube... Der Glaube macht das Unmögliche möglich, er wirkt heiligen Trotz in uns mit seinem gewaltigen Dennoch, er macht unsere Toten wieder lebendig, dass wir in heiligen Schauern der Ehrfurcht es spüren, dass sie nicht umsonst gestorben und dass sie durch den Tod zu einem anderen Leben hindurchgegangen...Die innere Front im Kampfe der Gedanken hat sich bisher tapfer gehalten. Sie wird es auch weiter tun, mag kommen, was mag, wenn sie festhält an dem Glauben an unseren Gott. Denn: `So Gott für uns, wer mag wider uns sein?´“

II.  Die Wende

Nach der Rückkehr aus Vikariat in Barcelona stürzt sich Bonhoeffer in Berlin wieder in die akademische theologische Arbeit. Er wird Assistent bei Professor Wilhelm Lütgert und schreibt in einem Jahr seine Habilitationsschrift. Thema: Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie. Diese Arbeit wird ihm im Juli 1930 als schriftliche Hausarbeit für das Zweite Theologische Examen anerkannt. Für seine kirchliche Laufbahn ergibt sich freilich ein Problem. Zum Pfarrer ordiniert werden könnte Dietrich Bonhoeffer erst, wenn er mindestens 25 Jahre alt wäre – das ist er aber nicht. Da greift zum wiederholten Mal der im Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen engagierte Superintendent Max Diestel ein. Zu dessen 70. Geburtstag wird Bonhoeffer 1942 an Diestel schrieben: „Es ist mir bewusst, dass ich Ihnen die entscheidenden Anstöße in meinem äußeren beruflichen und persönlichem Leben verdanke.“ Diestel hatte Bonhoeffer im Dezember 1927 den Vorschlag, als Vikar nach Barcelona zu gehen, gemacht, hatte nach dessen Rückkehr dafür gesorgt, dass Bonhoeffer nicht wie üblich ins Berliner Domkandidatenstift musste, und er rät ihm jetzt, „sich noch weiter in der Welt umzusehen“.

Am 1. September 1930 erscheint Dietrich Bonhoeffers Doktorarbeit „Sanctorum Communio. Eine dogmatische Untersuchung zur Soziologie der Kirche“ im Buchhandel, am 5. September besteigt Bonhoeffer das Schiff nach New York, um dort als akademischer Austauschstudent am berühmten Union Theological Seminary zu studieren. In New York angekommen wird in amerikanischen Kreisen herumgereicht, um vor allem die deutsche Sicht zu Krieg und Frieden darzustellen. Und Bonhoeffer redet zunächst, wie er in Barcelona auch geredet hat: „Ich stehe nicht nur als ein Christ vor Euch, sondern auch als ein deutscher, der mit seinem Volk glücklich ist und der leidet, wenn er sein Volk leiden sieht; und der dankbar bekennt, dass er alles, was er hat und ist, von seinem Volk empfangen hat.“ „4 Jahre lang kämpften deutsche Männer und Jungen für ihre Heimat.“ Er will offen sagen, dass er, wenn er von Schuld spricht, die Schuld vor Gott meint. Ansonsten gilt, „dass kein Deutscher und kein Ausländer, der die historischen Ursachen des Krieges kennt, daran glaubt, dass Deutschland die alleinige Kriegsschuld trägt – ein Satz, den wir gezwungen waren, im Versailler Vertrag zu unterschrieben.“ „Es kann historisch bewiesen werden, dass der Artikel 231 des Versailler Vertrages eine Ungerechtigkeit gegen unser Land ist, und wir haben die Pflicht, dagegen zu protestieren.“ „Die Deutschen brauchen und wollen vor allen Dingen Frieden.“ „Heute wie nie zuvor bereiten sich die Nationen – mit Ausnahme von Deutschland – auf einen Krieg vor.“

Zugegeben: diese Zitate sind einseitig ausgewählt, aber insgesamt bleibt der Eindruck, dass Bonhoeffer noch in der national-konservativen Sicht gefangen ist, d.h. er sieht die Dinge vom deutschen Standpunkt aus, wichtig ist nur deren Bedeutung für Deutschland.

Aus dieser Sicht befreit ihn die Begegnung mit einem Mitstudenten, dem französischen Pfarrer Jean Lassere. Renate Wind beschreibt diese Begegnung so treffend, dass ich sie ausführlich zitieren will: „Dietrich projiziert auf ihn erst einmal alle antifranzösischen Ressentiments des vaterländisch gesinnten deutschen Bürgertums – und stößt damit ins Leere. Jean ist Pazifist und hält nichts von der `gloire de la patrie`: `Man kann nicht Christ und Nationalist in einem sein... Glauben wir an die heilige, allgemeine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen? Oder glauben wir an die ewige Sendung Frankreichs?`

Daran hat Dietrich schwer zu schlucken. Dass die Gemeinschaft der heiligen, die ihm ja so wichtig ist, auch Franzosen umfasst, ist ihm wohl in dieser Radikalität noch gar nicht zu Bewusstein gekommen. Pazifismus hat ihm bisher ferngelegen; nun kommt er ihm ausgerechnet vom `Erbfeind` entgegen und ist theologisch gut begründet: mit der Bergpredigt.“

Jean Lassere: „Wir waren nicht sehr häufig zusammen.. Ein Ereignis allerdings hat in jenem Winter unser Leben stark geprägt. Der nach dem Roman von Erich Maria Remarque `Im Westen nichts Neues` gedrehte Film war gerade herausgekommen und Dietrich und ich beschlossen, ihn uns anzusehen. Wir ahnten nicht, was uns erwartete. Das Kino war voll besetzt und da der Film aus deutscher Perspektive gemacht war, waren die `Helden`, die im Vordergrund standen, deutsche Soldaten. Also verlegte sich das wesentlich aus Amerikanern bestehende Publikum rasch darauf, zu applaudieren, wenn auf der Leinwand die deutschen Soldaten französische Soldaten töteten, oder zu lachen, wenn die Franzosen in die Flucht geschlagen oder außer Gefecht gesetzt wurden. Für mich war das ein entsetzlicher Augenblick: Diese Zuschauer hatten vergessen, dass in dem noch ganz nahen Krieg 1914 – 1918 ihre älteren Verwandten mit den Franzosen und gegen die Deutschen gekämpft hatten. Aus Gründen einfacher menschlicher Anteilnahme schlugen sie sich gefühlsmäßig auf die Seite derjenigen, deren raues Leben als Frontsoldaten in den schlammigen Schützengräben sie zu sehen bekamen. Es war eine verblüffende Demonstration der Brüchigkeit nationaler Gefühle und des künstlichen Irrsinns des Krieges. Aber für mich war es grausam.

Dietrich hatte sehr tief die Ambivalenz der Situation gespürt und beim Hinausgehen zeigte sich sein Mitgefühl mit mir in bewundernswerter Weise. Er tröstete mich mit unendlicher Güte und Takt und auch mit klarer männlicher Zuwendung, wie eine Mutter ihr Kind. Dieses Abenteuer verband uns zutiefst. Wir begriffen besser denn je zum einen die Tiefe der Bindungen, die diejenigen, die an Christus glauben, miteinander über alle menschengemachten Barrieren hinweg miteinander verbinden und zum anderen das Zweifelhafte und Künstliche der nationalen Verbundenheit, in denen so viele Christen einen quasi absoluten Wert sehen wollen. Mir scheint, dass an jenem Tage unsere pazifistischen Überzeugungen sehr tief in uns beiden Wurzel fassten.“    

Angemerkt sei: Als dieser Film in Berlin Premiere hatte, wurde die Filmvorführung von den Nationalsozialisten gesprengt. Anschließend erreichte die NSDAP-Reichstagfraktion ein gesetzliches verbot, diesen Film in Deutschland zu zeigen – der erste große politische Erfolg der Nazis. „Die Republik hätte hier nicht weichen dürfen“, kommentierte Carl von Ossietzky in der Weltbühne.

Dietrich Bonhoeffer berichtet 1936 im Rückblick auf seine Zeit in New York: „Das war eine große Befreiung.“ Es ist eine persönliche Befreiung, speziell von seinem Ehrgeiz und der Art, die Theologie zu benutzen zum Beweis der eigenen Klugheit: „Ich kam zum ersten Mal zur Bibel... Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und gepredigt – und ich war noch kein Christ geworden.

Ich weiß , ich habe damals aus der Sache Jesu Christi einen Vorteil für mich selbst gemacht... Ich hatte auch nie, oder doch sehr wenig gebetet. Ich war bei aller Verlassenheit ganz froh an mir selbst. Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt.“ Und zugleich ist es eine Befreiung von theologischen und politischen Scheuklappen: „Der christliche Pazifismus, den ich noch kurz vorher leidenschaftlich bekämpft hatte, ging mir auf einmal als Selbstverständlichkeit auf.“ Seinen literarischen Niederschlag wird die neue Sicht der Bergpredigt finden in dem Buch „Nachfolge“, das 1937 erscheint.

III  Bonhoeffer als ökumenischer Friedenstheologe

Nach seiner Rückkehr aus Amerika 1931 eröffnete sich Bonhoeffer gleich ein Betätigungsfeld für seine neuen Einsichten. Wieder war Max Diestel beteiligt, diesmal aber auch besonders Friedrich Siegmund-Schultze, der entscheidenden Anteil daran hatte, dass Bonhoeffer im September auf der Tagung des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen in Cambridge in eine von drei neu geschaffenen Stellen als Internationaler Jugendsekretär des Weltbundes gewählt wurde. Der Weltbund war 1914 in Konstanz zeitgleich mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges gegründet worden.

Friedrich Siegmund-Schultze hatte die Konferenz in Konstanz organisiert und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Weltbundes. Max Diestel war stellvertretender Vorsitzender der deutschen Gruppe und setzte in Berlin die Arbeit des Weltbundes  fort, solange es ging – bis 1942.  

Der Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen setzte sich für Völkerverständigung und die Rechte nationaler und konfessioneller Minderheiten, für Abrüstung und ein Internationales Schiedsgericht zur Lösung von Konflikten ein.

Bonhoeffer hält am 26. Juli 1932 auf der Jugendkonferenz des Weltbundes in Cernohorske Kupele in der Tschechoslowakei einen viel beachteten Vortrag „Zur (ich ergänze: nach Bonhoeffers Ansicht noch fehlenden und dringend notwendigen) theologischen Begründung der Weltbundarbeit“. Darin heißt es: „Die Ordnung des internationalen Friedens ist heute Gebot Gottes für uns... Der von Gott gebotene Frieden hat zwei Grenzen: erstens die Wahrheit, zweitens das Recht. Gemeinschaft des Friedens kann nur bestehen, wenn sie nicht auf Lüge und nicht auf Unrecht ruht.“ Das Gebot des Friedens ist das Verbot des Krieges: „Der Krieg ist als Mittel des Kampfes ein uns heute von Gott verbotenes Tun, weil er die äußere und innere Vernichtung der Menschen bedeutet und so den Blick auf Christus raubt.“ Um dem Gebot bzw. Verbot zu folgen brauchen die Christen vor allem eins: „Die Christen lernen erst übernational denken, wenn sie eine große, gemeinsame Verkündigung haben. Mehr als alles andere brauchen wir gegenwärtig in der ökumenischen Bewegung die eine große zusammenführende Verkündigung.“

Diese Gedanken wird Bonhoeffer in der Folgezeit zu verschiedenen Gelegenheiten immer wieder vortragen. Am bekanntesten sind die folgenden Sätze aus der Morgenandacht, die Bonhoeffer im August 1934 während einer Weltbundtagung in Fanö hält, geworden: „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit.“ „Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört? Der einzelne Christ kann das nicht... Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass .. die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.“

Dabei will ich auf einen Punkt besonders hinweisen. Bonhoeffer spricht angesichts eines drohenden nächsten Krieges mit äußerster Dringlichkeit. Zwei Beispiele: Ende August 1932 hält Bonhoeffer anstelle des kurzfristig erkrankten Bischofs Ammundsen die Eröffnungsrede der Konferenz in Gland. Er hat nicht einmal einen Tag Zeit zur Vorbereitung. Und dann diese Sätze: „Sind unsere Konferenzen nicht vielleicht aus der abgrundtiefen Angst geboren, dass es eigentlich schon zu spät ist?.. Ich frage Euch auf Ehre und Gewissen, Freunde, wer von Euch kennt nicht jene Angst, es könnte das alles, was wir hier als kirchliches Tun unternehmen, zu spät, gegenstandslos, ja Spielerei sein?“ Gerade der Glaubende wird diese Fragen nicht beiseite schieben. „Nur mit klaren Augen gegen die Wirklichkeit ohne jede Illusion über unsere Moral oder unsere Kultur kann man glauben... Der Glaubende sieht die Wirklichkeit wie sie ist und glaubt gegen alles und über alles, was er sieht, allein an Gott und seine Macht.“

Fast auf den Tag genau 2 Jahre nach Gland (29. August) wird er in Fanö (28.August) noch deutlicher. „Warum fürchten wir das Wutgeheul der Weltmächte? Warum rauben wir ihnen nicht die Macht und geben sie Christus zurück? Wir können es heute noch tun. Das ökumenische Konzil ist versammelt, es kann diesen radikalen Ruf zum Frieden an die Christusgläubigen ausgehen lassen.“ Er warnt: „Die Stunde eilt – die Welt starrt in Waffen und furchtbar schaut das Misstrauen aus allen Augen, die Kriegsfanfare kann morgen geblasen werden – worauf warten wir noch? Wollen wir mitschuldig werden, wie nie zuvor?“ Er fleht: „Wir wollen reden zu dieser Welt, kein halbes, sondern ein ganzes Wort, ein mutiges Wort, ein christliches Wort. Wir wollen beten, dass uns dieses Wort gegeben werde – heute noch – wer weiß, ob wir uns im nächsten Jahr noch wiederfinden?“

Wie kommt Bonhoeffer dazu, so zu reden. Zumindest teilweise ergibt sich eine Antwort, wenn wir hören, was Friedrich Siegmund-Schultze, nach Bethge der politische Mentor Bonhoeffers, in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Eiche“, damals das wichtigste deutschsprachige Organ der ökumenischen Bewegung, geschrieben hat: „Die Regierenden haben nicht erkannt, dass es sich bei ihrem Ja oder Nein zur Abrüstung, zur ernsthaften Abrüstung, um die eine, große Entscheidung handelt: entweder die Völker entschließen sich zu Wegen des Vertrauens oder sie gehen zugrunde auf dem Wege selbstgeschaffener Sicherheiten.“ (1931) „Was die Kirche jetzt versäumt, treu zu der Friedensbotschaft des Evangeliums zu stehen, wird sie in den nächsten Jahren nicht wieder einbringen können. Diejenigen, die sich heute noch scheuen, die Friedensbotschaft zu bekennen, werden sie in zehn Jahren nicht mehr öffentlich bekennen dürfen.“ (1932)

Ich breche hier ab, möchte nur eine einzige Anmerkung mit Blick auf den weiteren Lebensweg Bonhoeffers machen. Ich stimme Heinz-Eduard Tödt zu, wenn er bei Bonhoeffer in den hier besprochenen Jahren einen problematischen Abgrenzungseifer gegen die Friedensarbeit aus nichtchristlicher Motivation feststellt. Von Bonhoeffers späterem Weg in den Widerstand und seinen Äußerungen über die Diesseitigkeit des Christentums können wir diese Friedensarbeit anders würdigen und uns mit ihr verbünden.

IV  Fazit

Was bleibt hervorzuheben von Bonhoeffers Friedenstheologie? - Der ökumenische Charakter des christlichen Friedensverständnisses und der kirchlichen Friedensarbeit.

Ich erinnere an Ernst Lange, der in seinem Buch „Die ökumenische Utopie – oder: was bewegt die ökumenische Bewegung?“ die ökumenische Bewegung als Friedensbewegung der Kirchen bezeichnete und seinen Stellenwechsel in die Zentrale des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf damit begründete, dass er etwas für den Frieden tun wolle.

Praktisch ergibt sich daraus für die Älteren die Aufgabe, den Jüngeren ökumenische Begegnungen  zu ermöglichen, wie es schon Nathan Beskow auf der Weltkirchenkonferenz für Praktisches Christentum 1925 in Stockholm formulierte. Wahrheit wird in der Begegnung erkannt und die Erkenntnis hat sich in der Begegnung zu bewahrheiten.

  1. Ins Politische übertragen heißt das: Aus der Friedensdiskussion der vergangenen Jahrzehnte ist auf jeden Fall das Konzept der gemeinsamen Sicherheit festzuhalten, die Übersetzung des Gebotes der Feindesliebe in eine intelligente rationale Entfeindungsstrategie. Der gemeinsame Einsatz für Gerechtigkeit und den Erhalt der Erde als bewohnbaren Lebensraum für die Menschen und alle Kreatur ist der Weg, auf dem Frieden und Freundschaft, nach Siegmund-Schultze das noch wichtigere Wort für Frieden, wachsen kann.
  2. Aus der Einsicht in den friedensgefährdenden, Erhard Eppler sprach gar von dem tödlichen, Charakter der Utopie der Sicherheit folgt, dass die eigene Verwundbarkeit und Leidensbereitschaft – letztere merkwürdig selten thematisiert – unaufgebbare Merkmale der Friedensfähigkeit sind.

Zusammenfassung anhand eines Tauflieds

Als Zusammenfassung biete ich Ihnen im „Jahr der Taufe“ einige Gedanken zu einem Tauflied unseres Gesangbuches an.

Kind, du bist uns anvertraut./ Wozu werden wir dich bringen?/ Wenn du deine Wege gehst,/ wessen Lieder wirst du singen?/ Welche Worte wirst du sagen/ und an welches Ziel dich wagen?

Kirche ist immer auch Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft. Was wird tradiert? Von Dietrich Bonhoeffer wollte unsere Kirche lange Zeit nichts wissen, jetzt wirbt sie mit ihm, wann wird sie ihn hören?

Kampf und Krieg zerreißt die Welt,/ einer drückt den andern nieder./ Dabei zählen Macht und Geld, / Klugheit und gesunde Glieder./ Mut und Freiheit, das sind Gaben,/ die wir bitter nötig haben.

Mit der im selben Jahr (1906) geborenen Hannah Arendt teil Bonhoeffer den Mut und die Freiheit, sich der gegenüber dem Gewohnten veränderten Wirklichkeit zu stellen, die Welt als mündig wahrzunehmen und nach der eigenen Verantwortung zu fragen.

 „Freunde wollen wir dir sein, / sollst des Friedens Brücken bauen. / Denke nicht, du stehst allein; / kannst der Macht der Liebe trauen. / Taufen dich in Jesu Namen. / Er ist unsre Hoffnung. Amen.

Die Getauften sind zum Friedensdienst einberufen. Getauft werden wir – reformiert gesprochen – in den Namen, griechisch eis to onoma, wie es bei Matthäus steht. Dieser Ausdruck war im hellenistischen Griechisch ein Fachausdruck des Bankwesens und bedeutete „auf das Konto von“. Wie wir mit unserem gelebten Zeugnis das Konto, den Kredit Gottes in der Welt mehren oder mindern – das war eine zentrale Frage Jean Lasseres. Das Beste am Christentum ist das Lebenszeugnis glaubwürdiger Menschen.

Literatur:

Bethge, Eberhard, Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse, München, 1967

Brakelmann, Protestantische Kriegstheologie im Ersten Weltkrieg. Reinhold Seeberg als Theologe des deutschen Imperialismus, Bielefeld, 1974

Lassere, Jean, Die Christenheit vor der Gewaltfrage. Die Stunde für ein Umdenken ist gekommen, herausgegeben von Matthias Engelke und Thomas Nauerth, Münster, 2010

Wind, Renate, Dem Rad in die Speichen fallen. Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer, Weinheim und Basel, 1990