08.08.2010

„Friedensethik im Einsatz“ – zum Handbuch der Soldatenseelsorge

Der Predigtvortrag in der Reformierten Kirchengemeinde Hohenlimburg am 8. August 2010 in einer dreiteiligen Reihe zum Verhältnis von Staat und Kirche beschäftigt sich mit der Rolle des Militär im Einsatz.
Johannes Weissinger

Liebe Gemeinde,

Anfang des vergangenen Jahres, 2009, gab das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr ein Handbuch der Evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr heraus. Sein Titel: „Friedensethik im Einsatz.“ Kaum vorzustellen, dass dieser Titel nicht durch die Selbstbezeichnung der Bundeswehr als einer „Armee im Einsatz“ angeregt worden ist. Wenn das so ist, dann ist zu fragen, in welchem Verhältnis der Titel des Handbuches zur Selbstbezeichnung der Bundeswehr steht. Denkbar sind zwei Antworten, die sich nicht ausschließen, aber eine verschiedene Gewichtung haben. Zugespitzt formuliert: Friedensethik gegen den Kriegseinsatz oder Friedensethik im Kriegseinsatz. Auf das Verhältnis von Kirche und Staat bezogen: Kirche als kritisches Gegenüber des Staates oder Kirche als verlässliche Stütze des Staates.

Zur ersten möglichen Antwort: Die Tatsache, dass sich Soldaten der Bundeswehr im Einsatz, auch im Kampfeinsatz, umgangssprachlich Kriegseinsatz genannt, befinden – vor 20 Jahren noch undenkbar! - , fordert die Kirche heraus, sich mit einer Ethik, die vom Frieden her denkt und auf das Ziel des Friedens gerichtet ist, zu Wort zu melden.

Die Dozentin an der Führungsakademie der Bundeswehr Sabine Jaberg hat die EKD Friedensdenkschrift vom Oktober 2007 gelobt, weil diese in ihrem Titel „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ den Begriff  „Frieden“ wieder in den Vordergrund rückt, nachdem dieser seit den 80er Jahren gegenüber dem Begriff „Sicherheit“ immer mehr in den Hintergrund getreten war, bis er in dem jüngsten „Weißbuch der Bundesregierung zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr“ vom Oktober 2006 an keiner Stelle mehr vorkommt. Diese Entwicklung hält Sabine Jaberg für verfehlt und plädiert dafür, das Friedensgebot des Grundgesetzes und die von ihr so genannten „friedenspolitischen Prüfkriterien im Grundgesetz“ wieder zur Geltung zu bringen. Das Lob Jabergs für die Friedensdenkschrift können die Herausgeber des Handbuches auch auf sich beziehen, zumal sie beanspruchen, auch inhaltlich ganz auf der Linie der Friedensdenkschrift zu argumentieren.

Zur zweiten möglichen Antwort auf die Frage, wie sich der Titel des Handbuches zur Selbstbezeichnung der Bundeswehr verhält: Bei dieser Antwort steht der Teil „im Einsatz“ im Vordergrund. Wie die Armee im Einsatz ist, so auch die im Handbuch vorgetragene Ethik. Und nach den Kooperationsvereinbarungen zwischen der Bundeswehr und den Kultusministerien verschiedener Länder, beginnend mit Nordrhein-Westfalen, versteht sich vielleicht demnächst auch die Pädagogik zunehmend als „Pädagogik im Einsatz“.

Die „Friedensethik im Einsatz“ des Handbuches bezieht sich als „angewandte Ethik“ auf den Einsatz der Soldaten im Krieg. Herkömmlicherweise sprach man da von einer Kriegsethik. Da aber der Krieg seit 1928 völkerrechtlich geächtet ist und an dieser Ächtung ausdrücklich festgehalten werden soll, kommt es hier auf die genaue Bezeichnung an. Nicht das Völkerrecht zum und im Krieg, sondern das Humanitäre Völkerrecht für den internationalen oder nicht-internationalen Konflikt bildet den rechtlichen Rahmen. Gerade diese begriffliche Schärfe stehe im Dienst des Friedens, wie auch die bewaffneten Einsätze der Militärstreitkräfte im Dienste des Friedens stünden.

Zum Inhalt des Handbuches

Die Einleitung beginnt mit dem Satz: „Das Handbuch soll evangelische Militärgeistliche bei der ethischen Bildung im Rahmen des von ihnen erteilten Lebenskundlichen Unterrichts in der Bundeswehr unterstützen.“

Die Militärseelsorge war seit ihrer Einrichtung durch den Militärseelsorgevertrag von 1957 innerkirchlich umstritten. Die Kritiker fürchteten um die Freiheit der Verkündigung. Besonders umstritten war der Lebenskundliche Unterricht, der vielleicht auch deshalb im Militärseelsorgevertrag gar nicht geregelt ist. Erteilt wird er auf Grund einer Zentralen Dienstvorschrift des Verteidigungsministers und in Kooperation mit der Inneren Führung der Bundeswehr. Seit Anfang des vergangenen Jahres, 2009, ist neu, dass es für den einzelnen Soldaten nicht mehr die Möglichkeit gibt, sich von diesem Unterricht abzumelden. In einer Erprobungsphase von 3 Jahren bis 2011 ist der Lebenskundliche Unterricht als berufsethische Qualifizierung für alle Soldaten und Soldatinnen und für alle Dienstränge verpflichtend. Darin unterscheidet er sich von den spezifisch kirchlichen Angeboten der Militärseelsorge. Zitat: „In Standortgottesdienst findet kirchliches Leben statt, im LKU findet eine staatlich angeordnete Reflexion staatlicher Praxis statt.“ (S.347) Möglich ist dies, weil Innere Führung und Lebenskundlicher Unterricht ein gemeinsames Ziel haben, nämlich das Ziel, dass „Soldaten als gewissensgeleitete Individuen ihren Dienst tun; daher soll ihr Gewissen geschärft und ihr sittliches Urteilsvermögen weiterentwickelt werde.“ (S.347) Wohlgemerkt. Die Arbeit der Miltärgeistlichen begründet sich hier nicht aus dem Recht des einzelnen Soldaten auf seelsorgliche Begleitung und Teilnahme am Gottesdienst, dessen Inanspruchnahme der Staat wie in anderen geschlossenen Institutionen wir Gefängnis und geschlossenem psychiatrischem Krankenhaus zu ermöglichen hat, sondern durch ein Interesse des Staates, mit dem die Kirche übereinstimmt und zu dessen Verwirklichung sich die Kirche zur Verfügung stellt.

Der Theologe und Politikwissenschaftler Jens Müller-Kent kommt 1990 in einer groß angelegten Untersuchung „Militärseelsorge im Spannungsfeld zwischen kirchlichem Auftrag und militärischer Einbindung“ zu dem Ergebnis, dass die enge strukturelle Verknüpfung von Militär und Militärseelsorge – besonders ausgeprägt im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr – eine weitgehende weltanschauliche Übereinstimmung zur Folge hat. Mag diese Übereinstimmung auch zu Zeiten, in denen kirchliche Zeugnisse von der Kriegsdienstverweigerung als dem deutlicheren Zeugnis des gegenwärtigen Friedensgebotes unseres Herrn sprachen, auffälliger gewesen sein, so fällt mir auch bei dem jetzt erschienenen Handbuch auf, dass die Tendenz insgesamt dahin geht, die gegenwärtige Praxis der Bundeswehr zu legitimieren. Dafür drei Beispiele:

Das Urteil des Bundesverwaltungsgericht im sogenannten Fall des Majors Florian Pfaff aus dem Jahr 2005, in dem das Gericht dem Schutz des Gewissens den eindeutigen Vorrang vor militärischen Belangen wie der Funktionsfähigkeit der Bundeswehr einräumt, wird mit Argumenten relativiert, wie sie Bundeswehrvertreter auch vorgebracht haben. Immerhin wird dieses Urteil im Handbuch überhaupt dargestellt. Das ist schon etwas.

In der Belehrung zu Eid und Gelöbnis ist nichts zu hören von einer Infragestellung dieser Praxis durch das Wort Jesu und des Jakobusbriefes „Ihr sollt überhaupt nicht schwören“ bzw. sogar „Vor allem: schwört nicht“. Auch wird die Formel „so wahr mir Gott helfe“ nicht erklärt. Wird mir ihr doch entgegen dem verbreiteten Missverständnis nicht um die Hilfe Gottes gebeten, sondern jeder Eid ist eine bedingte Selbstverfluchung. Der Eidschwörende benennt das Pfand, das er für den Fall, dass er seinen Eid bricht, verloren gibt. Dieser Sinn ist noch klar in der bis zum Jahre 1879 im Deutschen Reich verwendeten sogenannten „evangelischen“ Eidesformel „so wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum zur Seligkeit“.

In der Frage der Atomwaffen ist nichts zu lesen von der Absage an Geist, Logik und Praxis der Abschreckung oder von der Verurteilung der Herstellung, Bereithaltung und des Einsatzes von Atomwaffen als Verbrechen gegen die Menschheit. Im Gegenteil: „Könnte ein Einsatz von Nuklearwaffen streng auf ein oder mehrere militärische Ziele beschränkt werden und würde er voraussichtlich keine ausgedehnten, langanhaltenden und schweren Umweltschäden und keinen exzessiven Kollateralschaden verursachen, könnte er kaum als unzulässig angesehen werden.“ (S.196; von mir sinngemäß gekürzt)

Noch einmal : m.E. geht die ethische Bildung der Soldaten insgesamt eher darauf aus, die gegenwärtige Praxis zu legitimieren als diese infrage zu stellen. Auf den zentralen Punkt von Krieg und Militär als ultima ratio in einer Ethik rechtserhaltender Gewalt, auf den „alle Textabschnitte hinführen“, gehe ich im zweiten Teil ein.

Zum Schluss dieses ersten Teiles sei gefragt: Ja, ist diese Legitimierung nicht auch ganz in Ordnung, getreu dem Satz Jesu „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“? Hat der Kaiser, heute der Staat nicht einen Anspruch darauf, dass die Bürger bereit sind, zum Erhalt und zur Durchsetzung des Rechtes auch militärische Gewalt anzuwenden? Hat nicht auch die Bekenntnissynode von Barmen 1934 die Wohltat der Anordnung Gottes anerkannt, „dass der Staat unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen hat“?

Dabei mag es im Einzelfall die eine oder andere kritikwürdige Aussage geben wie das Gebet, das ein lutherischer Feldgeistlicher vor gut 65 Jahren vor dem Angriff auf Hiroshima gesprochen hat – und daran, dies heute zu erwähnen, kommen wir nicht vorbei - , das beginnt mit den Worten „Allmächtiger Vater, der Du die Gebet jener erhörst, die Dich lieben, wir bitten Dich, denen beizustehen, die sich in die Höhen Deines Himmels wagen und den Kampf bis zu unseren Feinden vortragen“ und mit den Worten schließt: „Mögen die Männer, die in dieser Nacht den Flug unternehmen, sicher in Deiner Hut sein, und mögen sie unversehrt zu uns zurückkehren. Wir werden im Vertrauen auf Dich weiter unseren Weg gehen; denn wir wissen, dass wir jetzt und für alle Ewigkeit unter Deinem Schutz stehen. Amen.“ Mag der Theologe Helmut Gollwitzer Recht gehabt haben, als er von diesem Gebet sagte, dass es verdiene, als Dokument christlicher Gotteslästerung in die Kirchengeschichte einzugehen – und wir kennen auch aus unserer deutschen Geschichte solche Gebete zuhauf - , so ist es doch heute legitim und gut, dass Pfarrer und Pfarrerinnen unserer Kirche den Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr gerade auch im Auslandseinsatz nahe sind und sie stärken in der Ausübung ihres Berufes.

Ausdrücklich weist der leitende Redakteur des Handbuches Hartwig von Schubert jedes Verständnis der „Ethik im Einsatz“ als „sozialtechnokratische Stärkung von `Kampfmoral` zur Erhöhung der ´Kampfkraft´“ als Missverständnis zurück. (S.273) Gleichzeitig aber findet sich im Handbuch der Hinweis, dass die Zentrale Dienstvorschrift aus dem Jahr 1959 Auskunft gibt über Sinn und Aufgabe des Lebenskundlichen Unterrichts: „Er hat die Aufgabe, dem Soldaten Hilfe für sein tägliches Leben zu geben und damit einen Beitrag zur Förderung der sittlichen, geistigen und seelischen Kräfte zu leisten, die mehr noch als fachliches Können den Wert des Soldaten bestimmen.“ (S.345)

In einer Zeit, die immer noch geprägt ist durch Auschwitz und Hiroshima, in der Hiroshima gezeigt hat, wozu der Mensch fähig, und Auschwitz, wozu der Mensch bereit ist, haben wir die Melodie gehört, die auf dem Kirchentag 19812 ausgesucht wurde zu den Worten, die Schalom Ben-Chorin 1942 in Jerusalem geschrieben hat: „Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.“ (EG 651) Unglaublich, so etwas zu schreiben angesichts des Krieges, der „Tausende zerstampft“ und in dem eine Welt, das europäische Judentum, untergeht.

Zur Bibellesung Matthäus 22, 15-22

Wie siegt denn das Leben? Auf welchen Weg weist uns Jesus, wenn er den Weg Gottes lehrt, selbst wahrhaftig und nach der Wahrheit lehrend? Es geht ja immer um den Weg Gottes in dem doppelten Sinn des Weges, den Gott mit seinem Volk und den Völkern geht, und des Weges, den er von diesen gegangen wissen will. Was sagte Jesus damals mit diesem Wort „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, und was sagt er uns? Ist dieses Wort gleichsam eine Kompromiss- und Ausgleichsformel, die den Anspruch des Kaisers und den Anspruch Gottes auf verschiedene Bereiche unseres Lebens verteilt oder gar  den Anspruch des Kaisers auch als Anspruch Gottes legitimiert, weil ja die Obrigkeit von Gott ist? Oder ist dieses Wort Jesu ein Widerstandswort, das den Anspruch des Kaisers zurückweist und die Fragenden auf den Anspruch Gottes verweist? Der Zusammenhang, in dem Jesus dieses Wort sagt, legt m.E. nahe, sein Wort als Widerstandswort zu deuten wie das Wort „man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Warum?

Die Szene wird bei Markus und Lukas deutlicher als bei Matthäus. Die Frage an Jesus „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen, oder nicht?“ ist eine Fangfrage, gestellt, um Jesus zu fangen. Wer hatte Grund, sie zu stellen? Nicht so sehr die Pharisäer, gehörte doch Jesus selbst im weiteren Sinn zur pharisäischen Bewegung, sondern die Anhänger des Herodes wie bei Markus oder die Priesteraristokratie wie bei Lukas, beide Leute, die mit der Besatzungsmacht kollaborierten. Ihre Frage ist gefährlich. Antwortet Jesus mit Nein, „keine Steuern für den römischen Kaiser“, werden die römischen Legionäre, die auf dem Vorhof des Tempels bereit stehen, notfalls mit Waffengewalt dafür zu sorgen, was sie Recht und Ordnung nennen, Jesus als Aufrührer greifen. Antwortet Jesus mit Ja, „Steuern für den Kaiser sind erlaubt“, werden seine Anhänger diese Antwort als Verrat an der Sache der Befreiung auffassen.

Nun antwortet Jesus merkwürdig, er beantwortet die Frage nämlich überhaupt nicht. Er bittet die Fragenden: Zeigt mir einen Denar, dass ich ihn sehe, will sagen: das, wonach ihr fragt, ist  nicht mein Problem; ich lebe gar nicht in den Bezügen, in denen sich diese Frage stellt. Und dann scheinbar noch weltfremder – aber es scheint nur so: Welches Bild seht ihr auf der Münze, als ob es wichtig wäre, welches Bild auf der Münze zu sehen ist. Auf der Münze ist das Bild des Kaisers - von der Rückseite ganz zu schweigen! - , so diejenigen, die Jesus in eine Falle locken wollten und jetzt selbst drin stecken. Denn nun kann Jesus ihnen sagen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, im Griechischen steht sogar: Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist. Schließlich ist sein Bild auf der Münze. Behaltet sie nicht in euren Händen, zurück, weg damit!

„Gebt aber Gott, was Gottes ist.“ Was ist denn Gottes? Wo ist denn sein Bild drauf? Die Römer verstehen hier nichts mehr – gut so. Aber die, die die Schrift kennen, hören sofort: das Bild Gottes, das sind wir. ER hat uns geschaffen zu SEINEM Bild. Die Menschen anderer Religionen machen sich ihre Götter anschaulich in Gottesbildern, in Götterstatuen, die die Größe und Macht ihrer Götter abbilden sollen. Der Gott Israels verbittet sich das, er will kenntlich werden durch die Art und Weise, in der die Menschen, die er zu seinem Volk beruft, zusammen leben. Das Zusammenleben in Gerechtigkeit soll die Völkerwelt stutzig, neugierig und staunend machen auf und über den Gott dieses Volkes, auf und über die weisen lebensdienlichen Satzungen dieses Gottes. 

Am Berg Sinai gebietet, besser: erlaubt Gott seinem Volk, ein Zelt der Begegnung zu bauen. Er spricht zu Mose: „Sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich in ihrer Mitte wohne“. Die Rabbinen bemerkten dazu: „in ihrer Mitte“, nicht „in Ihm, dem Heiligtum“, will Gott wohnen.  Gott, der Heilige, dessen die Menschen nicht habhaft werden und sich verfügbar machen können, will, dass sie ihm in ihrer Mitte durch ein Leben in Gerechtigkeit, ein Leben nach seinen Satzungen, eine heilige Stätte bereiten.

Ihr selbst, antwortet Jesus denen, die ihn fragten mit ihrer Fangfrage, ihr selbst gehört Gott. Gebt nicht dem Kaiser, was Gottes ist. Da wundern sie sich, können nicht wechseln, nur schweigen. Und unverrichteter Dinge räumen sie das Feld.

Was sagt die Antwort Jesu uns heute? Wie leben wir als Bild Gottes? Als Bild des Gottes, der seinen Kriegsbogen in die Wolken gestellt hat – ein Bild für die Abrüstung Gottes. Wie leben wir als Bild des Gottes, der – wie es im Psalm 33 heißt – die Herzen der Menschen füreinander geschaffen hat? Wir werden erst durch Mitmenschlichkeit unserer Bestimmung als Menschen gerecht. Nicht gut ist es, wenn ein Mensch allein oder, wie man auch übersetzen kann, nur für sich lebt. Gut ist, wenn Menschen als Brüder und Schwestern einträchtig zusammen leben, gemeinsam nach Frieden und Gerechtigkeit trachten. Dann ist die Schöpfung so, wie Gott sie gedacht hat, dann kann  der Schöpfer sich in seinen Geschöpfen wiedererkennen.

Wie leben wir als Bild des Gottes, der Sicherheit, hebräisch bätach, denen verheißt, die ihm trauen, hebräisch batach? Die Sicherheitsfrage ist biblisch eine Vertrauensfrage. Gott behütet in der Gegenseitigkeit des Bundes die, die seine Gebote bewahren, d.h. tun – im Hebräischen steht für Gottes und des Menschen Tun dasselbe Verb.

Das Wort Frieden fasst als letztes Wort des Segens alles Gute zusammen, worum Menschen Gott bitten dürfen, und gleichzeitig markiert es den Anfangspunkt des menschlichen Strebens: Suche den Frieden und jage ihm nach. (Psalm 34)

Liebe Gemeinde, was besagen diese biblischen Überlegungen zum Frieden für die Sicht auf die „Friedensethik im Einsatz“ des Handbuches der Militärseelsorge? Ich meine: den behaupteten Konsens darüber, dass die Einbeziehung der militärischen Mittel in die Mittel zur Durchsetzung des Rechtes und zur Verwirklichung von menschlicher Sicherheit und Entwicklung notwendig und legitim ist – und das ist die zentrale These des Handbuches wie der Kern der Friedensdenkschrift - , gibt es in unserer Kirche nicht. Es gibt Menschen in unserer Kirche, die es mit dem Psalm 33 halten: Rosse, d.h. militärische Macht, helfen nicht, da wäre man betrogen, und ihre große Stärke errettet nicht. Dies in der ethischen Diskussion geltend zu machen, wäre eine aktuelle Konkretion der fünften Barmer These: Die Kirche erinnert an Gottes Reich, Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der regierenden und Regierten.   

Übertragung

Eine solche Sicht und Denkrichtung macht hellsichtig für die innere Widersprüchlichkeit der zentralen These des Handbuches, dass das Recht auf Durchsetzung angelegt sei und folglich die Anwendung von Gewalt als Gegengewalt als rechtserhaltende Gewalt erlaubt sei, weil der Schutz des Lebens und die Stärke des Rechts gegenüber dem „Recht des Stärkeren“ nicht wehrlos bleiben dürfe. Aber unter der Hand wird in dieser Argumentation aus der Stärkere des Rechts doch wieder das Recht des Stärkeren, denn nur der Stärkere kann ja das Recht durchsetzen – und die NATO wird mit drastischen Worten als der jedem möglichen Gegner gegenüber Stärkere dargestellt. Es ist zwar von dem gemeinsamen Recht die Rede, aber die Tatsache, dass dieses Recht durch das NATO-Militär erhalten und durchgesetzt werden, lässt daran zweifeln, dass wirklich das gemeinsame Recht gemeint ist und nicht vorrangig das eigene, zu dem mit der militärischen Durchsetzbarkeit im Rücken auch das gerechnet wird, das – wie die Sicherung des eigenen Wohlstandes – auf Gewalt beruht und nur mit Gewalt aufrecht erhalten werden kann. Nur zur Durchsetzung des eigenen Rechts muss ich gegebenenfalls der Stärkere sein. Dem Anderen zu dessen Recht zu verhelfen, dem Hungernden zu seinem Recht auf Leben, dem, der Unrecht erlitten hat, zum Recht auf Entschädigung, haben wir viele – bisher verweigerte – nicht-militärische Möglichkeiten. Friedrich Siegmund-Schultze schrieb schon vor hundert Jahren, 1910, dass „der Planet eben ein Dorf“ geworden ist. Deshalb sei auf ihm kein Platz mehr für Krieg und die gewaltsame Durchsetzung eigener Interessen auf Kosten anderer und ich ergänze: der gemeinsamen Lebensgrundlage.

Anerkennen will ich und ausdrücklich darauf hinweisen, dass sich auch in dem Handbuch Bemerkungen finden, die in diese Richtung weisen. So wird der Klimawandel als die Bedrohung bezeichnet, die „alle anderen Friedensgefährdungen weit überragt“. ((S.145) Was aber folgt aus einem solchen Satz für die Verteilung der Mittel, die uns zur Verfügung stehen? Beachtlich auch die Darlegung, worin sich ein System gegenseitiger kollektiver Sicherheit von einer Militärallianz unterscheidet. (S.130f) Was aber folgt daraus für die Legalität von Bundeswehreinsätzen, die nur auf einem Beschluss der NATO gründen, und für die offizielle NATO-Sicherheitsdoktrin?

Ich komme zum Schluss. Im Jahr 2000 kam der Friedensausschuss unserer Landeskirche in einer gründlichen Analyse des Kosovokrieges zu dem Schluss, dass auf Gewalt kein Segen ruht, auch wenn sie im Gewand einer ultima ratio auftritt. Wenn es gelänge, dass die ultima ratio wirklich die ultima ratio bliebe, wäre schon viel gewonnen. Aber ich fürchte, dem Versuch, die militärische Gewalt zu zivilisieren, wie es das Handbuch als eigenes Ziel beschreibt, und die ultima ratio nur als ultima ratio zuzulassen, als solche aber für notwendig zu halten, wird es genau so ergehen wie der traditionellen Lehre vom gerechten Krieg. Gedacht war auch diese zur Begrenzung kriegerischer Gewalt, ihre historische Wirkung war immer wieder die Legitimierung von Kriegen.

Wir sollten in unserer Kirche in eine andere Richtung denken, arbeiten und beten, nämlich in die Richtung, wie sie die ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt zu Beginn vor zehn Jahren formuliert hat, „Geist, Logik und Ausübung von Gewalt zu überwinden, auf jede theologische Rechtfertigung von Gewalt zu verzichten und erneut die Spiritualität von Versöhnung uns aktiver Gewaltlosigkeit zu bekräftigen“. Anders als in ökumenischer Zusammenarbeit wird die Kirche ohnehin nicht für den Frieden wirken und Gottes Zeuge sein können.   

Mag sein, dass ein solcher Weg die Kirche manche Anerkennung und Förderung durch den Staat kosten könnte, aber nicht einmal das ist ganz sicher. Angst davor haben sollten wir jedenfalls nicht.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht als all unser Verstand, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.