26.08.2009

Erinnerung verpflichtet: Das Gegenteil von Krieg ist Friedensdienst

Ein Wort zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs
Johannes Weissinger

Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Damit wurde für jedermann sichtbar, wovor Pazifisten und andere Weitsichtige schon vor der Übergabe der Regierungsmacht an Adolf Hitler gewarnt hatten: „Hitler bedeutet Krieg.“ Auf diesen Krieg hatte Hitler von Beginn seiner Regierung an hin gearbeitet. Die Unterrichtung der Wehrmacht über seine Kriegsziele schon am 5. Tag seiner Amtszeit, die Verbrennung pazifistischer Bücher und die Ausbürgerung kritischer Staatsbürger, der Austritt aus dem Völkerbund, eine alle anderen Wirtschaftszweige dominierende Aufrüstung, die Vereidigung der Wehrmacht auf Hitler und die gegen den Versailler Vertrag verstoßende Einführung der allgemeinen Wehrpflicht waren dabei wichtige Stationen. Nur diejenigen, die 1939 noch auf die Lügen und die Hasspropaganda der Nationalsozialisten hereinfielen oder in der Vorstellung von dem den Deutschen zu Unrecht vorenthaltenen Lebensraum gefangen waren, konnten sich über den Charakter des Krieges als Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg täuschen und ihn als notwendige Verteidigung berechtigter deutscher Ansprüche ansehen.

Die große Mehrheit folgte

Die große Mehrheit der Deutschen, auch der evangelischen Kirche, folgte, wenn auch ohne große Begeisterung, Hitler in den Krieg. Und nach dem Sieg über Frankreich 1940 war Hitler auf dem Gipfel seiner Popularität. Vergeblich hatte Friedrich Siegmund-Schultze 1931 seine Kirche  gedrängt: „Was die Kirche jetzt versäumt, treu zu der Friedensbotschaft des Evangeliums zu stehen, wird sie in den nächsten Jahren nicht wieder einbringen können. Diejenigen, die sich heute noch scheuen, die Friedensbotschaft zu bekennen, werden sie in zehn Jahren nicht mehr öffentlich bekennen dürfen.“ Die Frage Karl Barths an die Gewissen aller Christen in Deutschland, ob es nicht ihre Sache sei, zur Verhinderung dieses Krieges bzw. eines Sieges der Usurpatoren den Wehrdienst zu verweigern, erschien auch seinen Freunden und Schülern kurz vor Kriegsbeginn als zu ungewohnt und zu kühn. Eine theologisch-ethische Besinnung aus den Reihen der Bekennenden Kirche entlastete die Gewissen der Soldaten, indem sie die Verantwortung für diesen Krieg bei den Regierenden, nicht bei den Soldaten sah, so wie für eine Hinrichtung der Richter, nicht aber der Henker die Verantwortung trage.

Beteiligung der Kirchen

Der Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK), in dem neben je einem Vertreter der Deutschen Christen und der neutralen Mitte der hannoversche Landesbischof Marahrens die gemäßigte Bekennende Kirche vertrat, veröffentlichte zum Erntedankfest 1939 ein Fürbittengebet: „Segne Du unsere Wehrmacht auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft. Segne allen Einsatz und alle Arbeit im deutschen Land, segne und schütze Du unseren Führer, wie Du ihn bisher bewahrt und gesegnet hast, und lass es ihm gelingen, dass er uns einen wahrhaftigen und gerechten Frieden gewinne, uns und den Völkern Europas zum Segen und Dir zur Ehre.“ Ein halbes Jahr später sah sich Marahrens nicht in der Lage, ein Gnadengesuch Hermann Stöhrs zu unterstützen. Dieser hatte sich im August 1939 geweigert, der Einberufung zur Wehrmacht zu folgen, war deshalb am 31. August festgenommen und am 16. März 1940 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt worden. Am 21. Juni 1940 wurde Hermann Stöhr in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Der Irrweg des Krieges endete fast sechs Jahre später nicht in der deutschen Weltherrschaft, sondern in der militärischen Niederlage.

Nachkriegszeit

In der Kirche folgten drei für uns bis heute wichtige Äußerungen. Der neu gebildete Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland bekannte gegenüber den Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen im Oktober 1945: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“ Die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen bezeugte 1948 in Amsterdam: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Die Kirchenversammlung der Evangelischen Kirche in Deutschland erklärte in demselben Jahr in Eisenach: „Auf der Gewalt ruht kein Segen, und Kriege führen nur tiefer in Bitterkeit, Hass, Elend und Verwahrlosung hinein.“

1949 verpflichtet das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland den neu gegründeten Staat in seiner Präambel, „dem Frieden der Welt zu dienen“, und stellt in Artikel 26 „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten,“ unter Strafe.

Diese Einsichten konnten in der Folgezeit für die grundsätzliche Absage an militärische Gewalt politisch eine Mehrheit nicht gewinnen. Die gegenwärtige Beteiligung deutscher Soldaten an Einsätzen, die wir Kriege nennen, ist auch eine Folge verweigerter Umkehr.

Heutige Aufgaben

Im Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs stehen uns auch Aufgaben vor Augen, die uns heute gestellt sind. Wir nennen ohne Anspruch auf Vollständigkeit die folgenden:

  • Wir begrüßen, dass in diesen Tagen mit den Soldaten, die nach dem von den Nationalsozialisten einführten Gesetz als „Kriegsverräter“ verurteilt worden sind, die letzte Gruppe der Opfer der NS-Militärjustiz rehabilitiert wird. Als Aufgabe bleibt, diese politische und juristische Rehabilitierung auch im Bewusstsein der Bürger zu verankern und zu festigen.
  • Wir wissen um das von Deutschen verübte Unrecht, unter dem bzw. unter dessen Folgen Menschen bis heute leiden. Als Aufgabe bleibt, Friedensdienste zur Völkerverständigung, insbesondere in Osteuropa, zu leisten.
  • Wir beobachten die Tendenz in der Publizistik, anderen Medien und auch beim Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs, die Schuld Deutschlands zu relativieren und auszublenden. Als Aufgabe bleibt, sich der  Schuld Deutschlands ohne Seitenblick bewusst zu sein. Auch dürfen wir im nationalsozialistisch gefärbten Weltbild der Neonazis deren darin angelegten Militarismus und deren Leugnung der Schuld nicht verharmlosen. Wir regen an, diejenigen pazifistischen und ökumenischen Zeitschriften, die die Nationalsozialisten beseitigten, z. B. „Das Andere Deutschland“ und „Die Eiche“, durch Reprintausgaben allgemein zugänglich zu machen und damit der Stimme der ausgeschalteten Minderheit wieder Gehör zu verschaffen.
  • Wir nehmen wahr, wie NATO und Bundeswehr für sich das Recht beanspruchen, gegenüber anderen Völkern und Staaten „Interessen“ militärisch durchzusetzen. Wir lesen, dass Deutschland zur drittgrößten Rüstungsexportnation aufgestiegen ist. Als Aufgabe bleibt, auf die Einhaltung des „Zwei-plus-Vier-Vertrages“ von 1990 zu drängen, dessen Artikel 2 bekräftigt, dass „von deutschem Boden nur Frieden ausgehen wird“.
  • Wir hören immer wieder den Hinweis, dass das politische Gewicht eines Staates an seiner militärischen Stärke hinge. Als Aufgabe bleibt, diesem Irrglauben abzusagen und den deutschen Beitrag zur europäischen Außen- und Sicherheitspolitik auf die zivile Konfliktlösung auszurichten. Hierzu zählt auf der Ebene der Institutionen die Stärkung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).
  • Wir wundern uns über den Titel des neuen Handbuches der Evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr, das in diesem Jahr erschienen ist. Wir sehen in dem Titel „Friedensethik im Einsatz“ eine begriffliche Angleichung an die Selbstbezeichnung der Bundeswehr als einer „Armee im Einsatz“. Dieses Handbuch soll evangelische Militärgeistliche im Rahmen des von ihnen erteilten Lebenskundlichen Unterrichts in der Bundeswehr, einer „staatlich angeordnete(n) Reflexion staatlicher Praxis“, unterstützen. Manche Abschnitte dieses Handbuchs sind nach unserem Eindruck stärker von staatlicher Militärpolitik als von theologischer Friedensethik bestimmt, z.B. der Abschnitt „Der verfassungsrechtlich gewährleistete Gewissensschutz des Soldaten in einem für völkerrechtswidrig erachteten Gewalteinsatz“. Der Autor dieses Abschnitts stellt das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 21. Juni (!) 2005, veröffentlicht am 1. September (!) 2005, das jede Einschränkung der Gewissensfreiheit eines Soldaten durch Erfordernisse der Funktionsfähigkeit der Streitkräfte als unzulässig erklärt, mit erkennbar ähnlichen Vorbehalten dar, wie sie von Angehörigen der Bundeswehr vorgetragen werden. Als Aufgabe bleibt, über die im Handbuch angesprochenen Fragen in Kirche und Gesellschaft zu diskutieren. Wir setzen uns dafür ein, das angesprochene Urteil des Bundesverwaltungsgerichts weithin bekannt zu machen wie auch den „Verhaltenskodex zu politischen und militärischen Aspekten der Sicherheit“, den die Teilnehmerstaaten des Budapester OSZE-Gipfeltreffens von 1994 beschlossen haben. In Ziffer 30 dieses Kodex heißt es: „Jeder Teilnehmerstaat wird ... gewährleisten, dass sich die Angehörigen der Streitkräfte der Tatsache bewusst sind, dass sie nach dem innerstaatlichen und dem Völkerrecht für ihre Handlungen individuell verantwortlich sind.“ Ziffer 31 bekräftigt: „Die Verantwortung der Vorgesetzten entbindet die Untergebenen nicht von ihrer individuellen Verantwortung.“ Zuspitzt formuliert: Wir warnen davor, die Gewissen der Soldaten zu schärfen, wie man Waffen und Bomben schärft, scharf, d.h. für einen Einsatz brauchbar macht.
  • Wir sehen uns selbst verstrickt in die ungerechte Aufteilung der Welt in wirtschaftlich und politisch Mächtige und Ohnmächtige. Wir fragen: Sind die Ansprüche hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs und dessen Absicherung, die in den Verteidigungspolitischen Richtlinien von 1994 und 2003 geltend gemacht werden, nicht in sich schon gewalttätig im Sinne struktureller Gewalt und darauf angelegt, ggf. mit militärischer Gewalt durchgesetzt zu werden? Erfordert die immer wieder proklamierte Orientierung an den Menschenrechten nicht , die Rechte aller Menschen auf Leben zu achten, die Güter der Erde solidarisch zu teilen und das Wirtschaften in den Dienst des gemeinsamen Lebens aller Menschen zu stellen? Ist die radikale Umverteilung der finanziellen Aufwendungen weg von den militärischen hin zu zivilen Lösungsansätzen nicht auch schlicht ein Gebot der politischen Vernunft, da die meisten Bedrohungen des Weltfriedens, ja des Lebens auf der Erde ohnehin nicht militärisch bekämpft werden können? Die Aufgabe bleibt, die Institution Krieg zu überwinden.

Fazit

Gustav W. Heinemann fragte 1969 als Bundespräsident in seiner Fernsehansprache zum 30. Jahrestag des Kriegsbeginns: „Was wollen und tun wir, auf was ist des Menschen Leben ausgerichtet, und wie ordnet er sein Leben, bevor der Krieg mit seinem Töten und Getötetwerden jeweils wieder einmal da ist?“ Es ist an uns, auf diese Frage eine Antwort zu geben, die wir auch morgen bejahen können.

Verwendete Literatur:

Brakelmann, Günter (Hg.), Kirche im Krieg. Der deutsche Protestantismus am Beginn des Zweiten Weltkriegs, München 1979

Die Eiche. Vierteljahrschrift für soziale und internationale Arbeitsgemeinschaft, hg. von Friedrich Siegmund-Schultze, 19.Jg. 1931, 20.Jg.1932

Evangelische Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer (Hg.), NEIN zu Krieg und Militär – JA zu Friedensdiensten. 50 Jahre evangelische Arbeit für Kriegsdienstverweigerer, Bremen 2007

Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr (Hg.), Friedensethik im Einsatz. Ein Handbuch der Evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr, Gütersloh 2009

Heinemann, Gustav W., Präsidiale Reden, edition suhrkamp 1975

Kirchliches Jahrbuch 1933 – 1944, Gütersloh 1948, 2.Auflage 1976

Röhm, Eberhard Sterben für den Frieden. Spurensicherung: Hermann Stöhr (1898 – 1940) und die ökumenische Friedensbewegung, Stuttgart 1985