07.08.2017

Mit dem Fahrrad auf dem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens

Ökumenischer Rat der Kirchen

Als „Botschafter der Gerechtigkeit und des Friedens“ wurden die Pilgernden von Oberkirchenrat Matthias Kreplin von der Evangelischen Landeskirche Baden, dem elsässischen Kirchenpräsidenten Christian Albecker, Präsident der Konferenz der Kirchen am Rhein, und Kirchenpräsident Wilfried Bührer von der Evangelischen Kirche des Kantons Thurgau auf die Reise gesandt.

Die Schirmherrschaft der Konferenz der Kirchen am Rhein ist umso bemerkenswerter, als das Pilgern in der evangelischen Kirche lange verpönt war. Denn die Reformatoren kritisierten vor 500 Jahren neben dem Ablasshandel auch den Reliquienkult. Inzwischen sei das Pilgern jedoch in der Ökumene angekommen, sagt dazu Dekan i. R. Achim Zobel, der den Radpilgerweg von Konstanz nach Worms als eine einmalige Veranstaltung federführend organisiert hat. Der Radpilgerweg folgt dem Aufruf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 2013 an alle 348 Mitgliedskirchen zum Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens weltweit.

Im 500. Jahr der Reformation führt dieser Weg auf die Spuren der historischen Kirchen-Erneuerer am Rhein, aber auch an Orte der Information, Reformation und Transformation. Der Weg soll einen Verwandlungsprozess anregen, der den Menschen unterwegs persönlich verwandle und so auch zu einem gesellschaftlichen Heilungsprozess beitragen. Dafür gab der elsässische Kirchenpräsident Albecker den Radlern die Empfehlung mit auf den Weg, mit leichtem Gepäck zu reisen. Nicht nur beim Radfahren, sondern im übertragenen Sinne auch im Leben.

Schon in den ersten beiden Tagen der Reise wird deutlich: Neben dem großen Kirchenreformator Martin Luther gab es viele weitere Denker und Reformationsbewegungen. Sie alle haben zu einem neuen Denken beigetragen und das Ende des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit eingeläutet.

Der Start des Pilgerwegs in Konstanz verweist auf die Spuren von Jan Hus, der schon 1415 wegen seiner Überzeugungen und Lehren als Ketzer verbrannt wurde, und der rivalisierenden Päpste des ausgehenden 14. Jahrhunderts, die zum Konstanzer Konzil geführt hatte.

Inder nächsten Station, Schaffhausen, versteckten sich in der Reformationszeit Anhänger der Täuferbewegung, die Erwachsene (nochmals) tauften. Viele von ihnen waren aus Zürich geflüchtet.

Die Unterstützung der Bauern während der Bauernkriege durch Reformator Thomas Müntzer habe zur blutigen Niederschlagung eines Bauernaufstandes in Grießen am Hochrhein geführt, erklärte Pfarrer Thomas Kaiser den Radpilgern. Müntzer hat, wie andere auch, viele Lieder geschrieben. Durch sie fanden die neuen Ideen Verbreitung in der Bevölkerung, die damals zu einem großen Teil weder lesen noch schreiben konnte.

Und so wird in der evangelischen Kirche bis heute viel gesungen, auch auf dem Pilger-Radweg. Eines der Lieder heißt: „Vertraut den neuen Wegen“.

Und neue Wege gibt es auch in den Kirchengemeinden zu entdecken. Zum Beispiel in der Elisabethenkirche in Basel, die als „Forschungs- und Entwicklungslabor“ der Evangelischen Kirche in Basel gilt. Sie wird ökumenisch von einem evangelischen Pfarrer und einer katholischen Pastoraltheologin geleitet und versteht sich als Ereignis- und Begegnungsort auch für Menschen, die sonst nicht in die Kirche gehen. „Wir wollen neben den Kathedralen des Konsums ein Ort sein, wo Menschen sein können, ohne konsumieren zu müssen“, erklärt Pfarrer Frank Lorenz.

Die Kirche macht über die Grenzen hinweg mit überraschenden Angeboten auf sich aufmerksam, etwa mit Fastnachtsgottesdiensten, Andachten für Motorradfahrer mitsamt ihren Maschinen, einem „Tierli-Segens“ für Mensch und Tier oder auch mit einem Automat zur Spende per Bankkarte neben der traditionellen Sammelbüchse.

Die Strecke des Rad-Pilgerwegs der Gerechtigkeit und des Friedens führt durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz. Die älteste Teilnehmerin ist 79 Jahre alt und zeigt den Jungen, was Fitness ist: Ohne Elektromotor radelt sie die rund 50 Tageskilometer fröhlich mit und oft voraus.

Gemeinschaft stiftet die gegenseitige Hilfe bei technischen Problemen mit dem Fahrrad oder der gemeinsame Einkauf für das Frühstück ebenso wie die vielen Gespräche – über den Muskelkater, die Kirche, das Leben und manchmal auch darüber, dass sich viel zum Guten verändern kann, wenn „viele kleine Menschen viele kleine Dinge anders tun“.

Gemeinschaft erlebt man auch jeden Abend in den Kirchengemeinden, die ihre Gemeindesäle zum Übernachten mit Isomatte und Schlafsack öffnen und die Pilgernden mit großer Gastfreundschaft empfangen und oft sogar bekochen.

Wie Zusammenhalt Wege zu neuen Lösungen ebnet, erfuhren die Pilger bei einem Stopp bei den Stadtwerken Mülheim-Staufen. Diese Bürgergenossenschaft hat sich zum Ziel gesetzt, Strom- und Wärmeenergie ausschlißelich aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen und zu vermarkten.

Doch nicht nur Schönes begegnet den Pilgernden auf ihrem Weg. Stopps vor dem Munitionsunternehmen Rheinmetall und vor dem Kernkraftwerk Fessenheim sollen aufmerksam machen auf den Schmerz. Erst wenn dieser wahrgenommen werde, könne Veränderung oder Transformation stattfinden.

Und so beschäftigen sich die Pilgernden auf dem Weg durchs Elsass mit Halten in Colmar, Sélestat und Straßburg nicht nur mit den großen Reformatoren Martin Bucer und Johannes Calvin, sondern auch damit, was die biblische Botschaft für die gegenwärtige säkulare und multireligiöse Gesellschaft bedeutet.

In Rastatt wurde an Hiroshima gedacht und über die Revolutionäre von 1848/49 und das Gewissen gesprochen. Weitere Impulse auf dem Weg bis nach Worms geben neben vielem anderen auch Stadtrundgänge und Vorträge, etwa „Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden – von der Reformation zu einer notwendigen Transformation“ oder über das internationale Finanzsystem.

Der Fahrrad-Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens geht noch bis zum 11. August. Interessierte können die Pilgergruppe tagsüber radelnd begleiten.